Aia - Pithekoussai - Ischia
Und wir kamen zur Insel Aia. Diese bewohnte
Kirke, die schöngelockte, die hehre melodische Göttin,
Homer Odyssee 10. Gesang Verse 135 - 136
Mit diesen Zeilen beginnt Homers Beschreibung der Ankunft auf Aia.
Folgende Informationen liefert uns Homers Beschreibung die Insel:

Der Anlegeplatz
Allda liefen wir still mit unserm Schiff' ans Gestade
In die schirmende Bucht; ein Gott war unser Geleiter.
Odyssee 10, 140-141
Auf Ischia gibt es nur eine schirmende, windgeschützte Anlegestelle. Die San Montano Bucht bei Lacco Ameno. Eingefügt zwischen dem Monte Vico und dem Monte Zaro bietet sie Schutz bei Nord- Ost- und Südwinden. Lediglich bei Westwind müssen die Boote nach Lacco Ameno umgesetzt werde. Der flache Sandstrand ist geeignet, Schliffe mit flachem Boden an Land zu ziehen.
Die San Montano Bucht

Der Epomeogipfel
Denn ich umschauete dort von der Höhe des zackichten Felsens diese Insel
Odyssee 10, 195
Homer beschreibt die Gipfelform als "zackicht". Tatsächlich zeigt die Spitze des Epomeo, der höchsten Erhebung Ischias, eine zackige Form, Zackig wie eine Säge oder wie eine Krone.
Der "zackichte" Epomeogipfel

Die Krone des Epomeo
Das griechische Original verwendet in Vers 195 das Wort ἐστεφάνωται – „kränzt“ oder „krönt“. Auch italienische Übersetzungen greifen dieses Bild mit corona bzw. incorona auf.
Aus dieser Richtung zeigt der Gipfel des Epomeo eine auffallend kronenartige Felsformation.
Wie eine Krone

Eine Insel, "meerumgürtet"
Diese Insel, die rings das unendliche Meer umgürtet,
Odyssee 10, 196
Homer beschreibt eine Insel, meerumgürtet, damit scheidet, das Kap Circeo, eine Halbinsel, die auch von Strabon als Kirke Insel in Betracht kommt, aus. Vom Gipfel des Epomeo lässt sich die ganze Insel überblicken..
Aia, Ischia, "meerumgürtet"

Der Bach
Am Fuß des Berges beschreibt Homer einen Bach, an dem Odysseus einen Hirsch erlegt.
Mir auf den Weg; er sprang aus der Weide des Waldes zum Bache
Dann brach ich am Bache mir schwanke weidene Ruten
Odyssee 10, 159 und 166
Im griechischen Original steht dafür das Wort potamós, das einen fließenden Wasserlauf bezeichnet. Voss übersetzt die Stelle mit „Bach“.
Auf Ischia entspringt am Buceto ein ganzjähriger Wasserlauf, der früher durch die Puzillo-Schlucht zum Meer führte. Heute wird sein Wasser bereits an der Quelle gefasst und über Leitungen nach Fiaiano geleitet.
Dass dieser Wasserlauf einst eine erhebliche Wassermenge führte, zeigt das Aquädukt Pilastri. Das im 16. Jahrhundert errichtete Aquädukt versorgte das Castello Aragonese mit Trinkwasser. Auf der Burg lebten damals rund 3.000 Menschen.
Der Bach ist heute kaum noch sichtbar – seine historische Bedeutung lässt sich jedoch bis heute nachvollziehen.
Das Aquädukt Pilastri, Wasserversorgung für 3000 Bewohner
Die angebliche Schweineverwandlung

Untrennbar mit Aia verbunden ist eines der berühmtesten Abenteuer im Epos: Kirkes angebliche Verwandlung der Gefährten des Odysseus in Schweine.
Doch Homer selbst beschreibt keine Verwandlung in Schweine. Er spricht von Männern, die „wie Schweine“ aussehen (10.283), und später von Gefährten „in Gestalt neunjähriger Eber“ (10.390).
Hier setzt eine neue Deutung an: Wann sieht ein Mensch aus wie ein Schwein? Wenn er über und über mit Schlamm bedeckt ist. Auf Ischia ist dieser mineralische Heilschlamm als Fango bekannt.
Auch Homers Beschreibung der Rückverwandlung passt zu dieser Lesart. Kirke bestreicht die Männer mit „heilendem Safte“. Daraufhin fallen die „Borsten“ ab, und aus ihnen werden wieder jüngere und schönere Männer.
Männer wurden sie schnell, und jüngere Männer, denn vormals,
auch weit schönerer Bildung und weit erhabneren Wuchses.“
Odyssee 10, 394-396
Aus der vermeintlichen Schweineverwandlung wird damit eine Heilbehandlung: Fango auf der Haut, anschließend Heilwasser – und die Männer erscheinen danach jünger und schöner.
Diese Lesart verbindet Homers Beschreibung unmittelbar mit einer Besonderheit Ischias, die Insel auf der diese Behandlung ihren Ursprung hat und gibt dem berühmten Abenteuer der Odyssee eine völlig neue Deutung.
Aus der "Hexe" Kirke wird damit, augenzwinkernd gesagt, die erste schriftlich erwähnte Physiotherapeutin der Menschheit.
Wie "Schweine" Odyssee, 10.283
Ein Jahr auf einer paradiesischen Insel

Und wir saßen ein ganzes Jahr, von Tage zu Tage
An der Fülle des Fleisches und süßen Weines uns labend
Odyssee 10, 467-468
Mit diesen Worten gönnt Homer seinem Helden ein ganzes Jahr Urlaub auf einer paradiesischen Insel. Wäre Kirke tatsächlich eine Hexe gewesen, hätte Odysseus dieses Risiko wohl kaum freiwillig auf sich genommen – schließlich hätte er bei jeder Laune der „Zauberin“ erneut in ein Tier verwandelt werden können.
Am Ende dieses Jahres muss Odysseus den Seher Teiresias nach dem Weg zurück in die Heimat befragen.
Und wieder führt uns Homers Beschreibung unmittelbar in die Landschaft rund um Ischia: Hinüber zum nahen Festland zum mystischen Lago Averno, dem Schauplatz des anschließenden Hades-Abenteuers.
Der Abstecher in den Hades
Kirke schickt Odysseus nicht direkt auf den Heimweg. Zuvor muss er den Hades aufsuchen, um den Seher Teiresias nach dem weiteren Weg zu befragen.
Diese Anweisung ist für die Route entscheidend: Der Hades ist ein Abstecher, von dem Odysseus anschließend nach Aia zurückkehrt.
Von Ischia aus, vorbei am Capo Miseno, sind es nur rund 25 Kilometer zum Lago Averno bei Cuma. Eine Strecke, die Odysseus mit seinen Gefährten gut an einem Tag hätte bewältigen können – einschließlich des Aufenthalts am See und der Rückfahrt nach Aia. Der See liegt in einem Vulkankrater und galt bereits in der Antike als geheimnisvoller Ort und als Eingang zur Unterwelt. Die schwefelhaltige, unheimliche Atmosphäre des Ortes fügt sich auffallend gut in Homers Beschreibung der Unterwelt ein.
Nach diesem kurzen Abstecher kehrt Odysseus auf die Insel Aia zurück. Erst jetzt beginnt die eigentliche Heimreise.

Der Lago Averno
