Warum beginnt die Suche auf Aia?
Die eigentliche Irrfahrt des Odysseus beginnt für mich am Kap Malea. Bis zu diesem Punkt befindet sich die Flotte noch auf dem Heimatkurs. Erst danach wird sie durch Strömung und Wind aus ihrer bisherigen Richtung abgetrieben.
Die erste Station ist das Land der Lotophagen.
Und neun Tage trieb ich, von wütenden Stürmen geschleudert,
Über das fischdurchwimmelte Meer; am zehnten gelangt' ich
Hin zu den Lotophagen, die blühende Speise genießen.
Odyssee 9, 82–84
Doch was erfahren wir tatsächlich über diesen Ort?
In den rund 25 Versen, die Homer ihm widmet, finden sich erstaunlich wenige geografische Hinweise. Die Gefährten gehen am „Gestade“ an Land – ein Ausdruck, der sowohl eine Insel als auch das Festland bezeichnen kann. Eine genaue Beschreibung der Landschaft fehlt. Auch eine eindeutige Entfernung nennt Homer nicht.
Hinzu kommt die Zeitangabe von neun Tagen. Nach meiner Untersuchung verwendet Homer die Zahl Neun an mehreren Stellen nicht zwingend als exakte Zeitangabe, sondern offenbar auch als Platzhalter für „einige“ oder „mehrere“ Tage. Näheres dazu auf der Seite „Die Neunerzahl bei Homer“.
Der einzige geografisch verwertbare Hinweis ist der Nordwind, der die Flotte nach der Umrundung des Malea vom Kurs abbrachte. Daraus lässt sich vermuten, dass die Lotophagen irgendwo südlich bzw. südöstlich des griechischen Ausgangsraumes zu suchen sind. Eine genaue Lokalisierung ist jedoch nicht möglich.
Mein Fazit: Das Land der Lotophagen lässt sich auf Grundlage von Homers Angaben nicht seriös bestimmen.
Das gleiche Problem bei den nächsten Stationen
Auch beim Land der Zyklopen fehlen entscheidende Angaben. Homer beschreibt zwar die Lebensweise der Bewohner und ihre Höhlen, nennt aber weder eine Entfernung noch eine eindeutige Fahrtrichtung. Selbst wenn man Sizilien als Zyklopenland annimmt, bleibt die Frage offen, wo die gegenüberliegende Ziegeninsel zu suchen wäre.
Auch Äolia, die Insel des Aiolos, lässt sich nicht zuverlässig bestimmen. Homer nennt weder eine Distanz noch eine klare Richtung. Der Name legt zwar eine Verbindung zu den Äolischen Inseln nahe – dort gibt es jedoch mehrere Inseln, die grundsätzlich in Frage kommen.
Nach dem Öffnen des Windsackes kehrt die Flotte sogar wieder zu Aiolos zurück, der sie anschließend fortschickt.
Bei den Lästrygonen nennt Homer erstmals eine sehr konkrete Dauer: sechs Tage und sechs Nächte Rudern.
Als wir nun sechs Tag' und Nächte die Wogen durchrudert,
Landeten wir bei der Feste der Lästrygonen, bei Lamos
Stadt Telepylos an ...
Odyssee 10,80-82
Doch auch diese Angabe hilft bei der Lokalisierung kaum weiter, weil der Ausgangspunkt der Fahrt selbst nicht sicher bestimmt werden kann. Erst zusammen mit einer bekannten Ausgangsposition ließe sich eine solche Distanz geografisch sinnvoll auswerten.
Damit ergibt sich für mich bis hierher ein klares Bild:
Lotophagen – keine belastbare Ortsbeschreibung.
Zyklopen – keine belastbare Ortsbeschreibung.
Äolos – keine belastbare Ortsbeschreibung.
Lästrygonen – zwar eine konkrete Fahrtdauer, aber keine sichere Ausgangsposition.
Deshalb lehne ich es ab, diese Stationen allein aufgrund späterer Forschungstraditionen auf der Karte festzuschreiben.
Aia – der erste wirklich greifbare Ausgangspunkt
Mit der nächsten Station ändert sich die Situation grundlegend.
Odysseus erreicht die Insel Aia, den Wohnort der Kirke. Hier beschreibt Homer die Landschaft, die Natur und die Lebensbedingungen mit einer Fülle von Einzelheiten, die bei den vorherigen Stationen fehlen.
Hier beginnt für mich deshalb die eigentliche geografische Rekonstruktion der Odyssee.
Nicht der Name Aia führt mich zu einem bestimmten Ort. Es sind die Eigenschaften der Insel, die eine geografische Prüfung überhaupt erst ermöglichen.
Und genau diese Spur führt nach Ischia.
Die ausführliche Untersuchung der Hinweise Homers auf Aia und meiner Identifizierung der Insel mit Ischia finden Sie auf der Seite „Die Insel – Aia“.
