Die Begegnungen am Hofe des Alkinoos

Nausikaa hat Odysseus bis in die Nähe der Stadt geführt und ihm den Weg zum Palast ihres Vaters beschrieben. Nun betritt der völlig erschöpfte Fremde allein die Stadt der Phaiaken.

Wie Nausikaa ihm geraten hat, sucht er zunächst die Königin Arete auf. Er tritt vor sie, um Hilfe zu erbitten, ohne seine wahre Identität preiszugeben.

Damit beginnt eine bemerkenswerte Phase der Odyssee: Odysseus befindet sich bereits unter Menschen, die ihm helfen werden – und trotzdem weiß zunächst niemand, wer der Fremde wirklich ist.

Arete erkennt schließlich die Kleidung wieder, die Odysseus trägt und die aus ihrer eigenen Umgebung stammt. Doch noch immer erzählt er nicht seine Geschichte. Er bleibt zunächst ein geheimnisvoller Schiffbrüchiger am Hof des Alkinoos.

Am folgenden Tag veranstalten die Phaiaken zu seinen Ehren Wett- und Kampfspiele. Odysseus wird zunächst unterschätzt. Als einer der Phaiaken ihn herausfordert, zeigt er jedoch seine außergewöhnliche Kraft und wirft die schwere Wurfscheibe weiter als alle anderen.

(Odyssee 8, 100–125)

Alkinoos erkennt nun endgültig, dass sein Gast kein gewöhnlicher Fremder ist. Er fasst den Entschluss, Odysseus mit einem phaiakischen Schiff in seine Heimat bringen zu lassen.

Doch bevor es dazu kommt, führt Homer seinen Gast noch tiefer in die Geschichte der Phaiaken ein. Beim Fest tritt der blinde Sänger Demodokos auf.

Und damit beginnt eine der interessantesten Szenen des gesamten Epos: Odysseus hört seine eigene Vergangenheit – ohne dass die Phaiaken wissen, wer vor ihnen sitzt.

Demodokos – Odysseus hört seine eigene Geschichte

Beim Fest tritt der blinde Sänger Demodokos auf. Er besingt zunächst eine Episode aus dem Trojanischen Krieg. Unter den Zuhörern sitzt ein Mann, dessen wahre Identität weiterhin niemand kennt: Odysseus selbst.

Die Phäaken lachen über die geschilderte Szene. Für sie ist es Unterhaltung – für Odysseus sind es Erinnerungen an sein eigenes Leben.

Schließlich bittet Odysseus Demodokos, die Geschichte vom Trojanischen Pferd und der Eroberung Trojas zu erzählen.

Was nun geschieht, gehört zu den bewegendsten Szenen des Epos: Während der Sänger von den Taten vor Troja berichtet, weint Odysseus. Er verbirgt sein Gesicht und versucht, seine Gefühle vor den anderen zu verbergen.

Doch Alkinoos bemerkt seine Reaktion.

(Odyssee 8, 62–95 und 487–534)

Damit beginnt die Aufdeckung seiner Identität. Alkinoos erkennt, dass der geheimnisvolle Fremde offenbar selbst zu den Ereignissen gehört, von denen Demodokos singt.

Nun will er wissen, wer dieser Mann wirklich ist.

Odysseus gibt sich zu erkennen

Alkinoos will nun wissen, wer der geheimnisvolle Fremde ist und welche Ereignisse ihn auf seiner langen Irrfahrt bis zu den Phaiaken geführt haben.

Jetzt legt Odysseus seine Zurückhaltung ab. Er nennt seinen Namen und seine Herkunft:

Er ist Odysseus, der Sohn des Laertes, der Herrscher von Ithaka.

Damit ändert sich die Perspektive der gesamten Erzählung. Der Fremde, den die Phaiaken bisher nur als Schiffbrüchigen kannten, erweist sich als jener Mann, dessen Name ihnen längst bekannt sein dürfte.

 

Odysseus beginnt nun, seine Geschichte selbst zu erzählen. Er setzt bei Troja ein und schildert die Stationen seiner Irrfahrt: von den Kikonen und Lotophagen über Polyphem, Aiolos und die Lästrygonen bis zu Circe, Thrinakia und schließlich zum Schiffbruch.

(Odyssee 9–12)

Für die Phaiaken ist dies die erste vollständige Begegnung mit dem Mann hinter den Geschichten, die sie bisher nur aus dem Gesang des Demodokos kannten.

Und für den Leser entsteht ein besonderer Effekt: Die Odyssee wird innerhalb der Odyssee noch einmal erzählt – diesmal aus dem Mund des Helden selbst.

Dabei gibt es allerdings eine Besonderheit: Den letzten Abschnitt seiner Geschichte kennt Alkinoos bereits. Odysseus hatte ihn während seines Aufenthalts am Hof zunächst inkognito erzählt – von seinem Schiffbruch bis zu seiner Ankunft im Land der Phaiaken.

 

Als Odysseus bei seiner Erzählung schließlich zu Ogygia und Kalypso gelangt, unterbricht er sich selbst:


Und neun Tage trieb ich umher; in der zehnten der Nächte

Führten die Himmlischen mich gen Ogygia, wo Kalypso

Wohnet, die schöngelockte, die hehre melodische Göttin; 

Huldreich nahm sie mich auf... Doch warum erzähl' ich dir dieses?

Hab' ich es doch schon dir und deiner edlen Gemahlin

Gestern in diesem Gemach erzählt; und es ist mir zuwider

Einmal erzählete Dinge von neuem zu wiederholen.

Odyssee 12, 447-453

 

 

Die Heimfahrt nach Ithaka

Am nächsten Morgen wird das phaiakische Schiff mit den Geschenken beladen. Odysseus geht an Bord – und während der Überfahrt geschieht etwas, das diese letzte Etappe deutlich von den bisherigen Reisen unterscheidet: Er schläft.

Die Phaiaken bringen ihn schlafend nach Ithaka und setzen ihn dort mit seinen Geschenken am Ufer ab.

 

Auch diese letzte Fahrt ist ungewöhnlich unspektakulär. Von Sybaris bis Ithaka verläuft die Strecke über das offene Meer in weitgehend gerader Linie. Keine Insel und kein Kap zwingt zur Umrundung. Das könnte erklären, warum Homer hier keine komplizierte Navigation beschreibt, sondern eine besonders schnelle Fahrt – schneller, als der Habicht fliegen kann.

Dunkel und groß die Woge des lautaufrauschenden Meeres.

Schnell und sicheres Laufes enteilten sie; selber kein Habicht

Hätte sie eingeholt, der geschwindeste unter den Vögeln.

Also durcheilte der schneidende Kiel die Fluten des Meeres,

Heimwärts tragend den Mann, an Weisheit ähnlich den Göttern.

Odyssee 13, 85-89

 

Das Ende der Irrfahrten

Damit endet die lange Reise des Odysseus über das Meer. Doch nicht das Epos Odyssee. Noch elf Gesänge folgen, bis auch seine Rückkehr nach Ithaka vollendet ist.

Schlafend wird Odysseus von den Phaiaken an seiner Heimatinsel abgesetzt. Dort beginnt seine letzte Aufgabe: Er muss seine Identität verbergen, seinen Sohn Telemachos wiederfinden und gemeinsam mit ihm die Herrschaft im eigenen Haus zurückgewinnen.

Die Begegnung zwischen Vater und Sohn gehört zu den bewegendsten Momenten des Epos. Erst als Odysseus sich seinem Sohn zu erkennen gibt, können beide gemeinsam gegen die Freier vorgehen.

Schließlich kehrt Odysseus in seinen Palast zurück. Zusammen mit Telemachos und wenigen Getreuen stellt er sich den Freiern, die während seiner Abwesenheit um Penelope geworben und sein Haus ausgeplündert haben. Im Kampf werden die Eindringlinge getötet, und Odysseus gewinnt seine Familie, sein Haus und seine Herrschaft zurück.

Damit schließt sich der Kreis.

Aus der scheinbar endlosen Irrfahrt wird eine Heimkehr – und aus der Suche nach den Orten Homers eine Reise durch eine reale mediterrane Landschaft.

Die Odyssee endet in Ithaka. Meine Suche nach ihrer wirklichen Geografie beginnt auf der Insel Aia, dort, wo Homer erstmals im Epos deutliche geografische Spuren hinterlassen hat.

 

Warum meine Reise nicht in Troja, sondern erst auf Aia beginnt, erfahren Sie unter „Wissenswertes“.

 

 

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