Capri oder Gibraltar – wo trägt Atlas das Himmelsgewölbe?
Mit meiner Lokalisierung der Insel Capri als Wohnort der Kalypso – Ogygia – stehe ich ziemlich allein da. Mir ist kein Forscher oder Homer-Kenner bekannt, der diese These bisher vertreten hat.
Die Verbindung von Ogygia mit Gibraltar, zu der auch Champault gehört, stützt sich vor allem auf Homers Hinweis auf Atlas, der das Himmelsgewölbe trägt, sowie auf die erwähnten „ragenden Säulen“.
Doch im homerischen Text gibt es keinen Hinweis darauf, dass diese Säulen am äußersten Ende der damaligen Welt stehen müssen.
Auch der Name Herakles wird bei Homer zwar mehrfach erwähnt, aber niemals im Zusammenhang mit Kalypso oder Ogygia. Die später geläufige Bezeichnung „Säulen des Herakles“ gehört also nicht zu dieser homerischen Beschreibung.
Die älteste bekannte Erwähnung der Säulen des Herakles findet sich bei Pindar, der etwa zwei Jahrhunderte nach Homer lebte. Erst in der späteren Überlieferung werden die Säulen mit der Straße von Gibraltar verbunden.
Wo könnte Homer die Säulen des Atlas gesehen haben?
Dazu möchte ich ein Gedankenspiel wagen.
Nehmen wir an, Homer stellte sich die Erde als Scheibe vor und das Himmelsgewölbe als darüberliegende Kugel oder ebenfalls als Scheibe. Wo müsste Atlas stehen, damit das Himmelsgewölbe auf vier Säulen im Gleichgewicht ruhen könnte?
Im Zentrum der Erdscheibe.
Homer verwendet für einen solchen Mittelpunkt einen bemerkenswerten Begriff: den „Nabel des Meeres“.
Gibraltar war jedenfalls nicht der „Nabel des Meeres“, sondern das „Non plus ultra“ – bis hierher und nicht weiter.
Ich habe diesen Mittelpunkt, diesen Nabel, mit Capri identifiziert.
Gibraltar liegt am äußersten westlichen Rand des Mittelmeers und war niemals dessen geografischer Mittelpunkt. Betrachtet man dagegen die West-Ost-Ausdehnung des Mittelmeeres, liegt Capri erstaunlich nahe an dessen Mitte.
Von Gibraltar bis Capri sind es etwa 1.800 Kilometer, von Capri bis Iskenderun (Alexandretta) rund 1.950 Kilometer. Die rechnerische Mitte liegt damit bei etwa 1.875 Kilometern – Capri weicht davon nur rund 75 Kilometer ab.
Für die geografischen Möglichkeiten der Antike ist das eine bemerkenswert geringe Abweichung.
Und dann gibt es auf Capri tatsächlich Säulen
Capri besitzt mit den Faraglioni eine auffällige Gruppe frei stehender Felsen. Einer davon befindet sich nur etwa 20 Meter von der Küste entfernt, der höchste erreicht rund 109 Meter.
Die Vorstellung von vier mächtigen Felsensäulen, die das Himmelsgewölbe tragen, ist damit zumindest als Bild nicht abwegig.
Homer spricht von den Säulen im Plural. Die Faraglioni könnten in diesem Gedankenspiel für die vier Himmelsrichtungen stehen.
Ob Homer tatsächlich ein solches Bild vor Augen hatte, lässt sich natürlich nicht beweisen.
Aber es ist ein bemerkenswertes Gedankenspiel:
Capri als Ogygia, der „Nabel des Meeres“ – und die Faraglioni als die ragenden Säulen des Atlas.
Eine Vorstellung, die dem Text Homers nicht widerspricht.
Gibraltar ist als „Säulen des Herakles“ eine alte und gut belegte Tradition. Aber es ist nicht selbstverständlich, dass Homer mit den „Säulen des Atlas“ bereits Gibraltar meinte.
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„Quattro limoni“ – vier Zitronen, die keine vier waren. Ischia, 14. Mai 2007
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