Ogygia - Capri

Doch wo lag Homers Scheria?

Für meine Rekonstruktion ist zunächst entscheidend, dass Scheria in Homers Werk kein Inselreich, sondern ein Land auf dem Festland ist. Außerdem bezeichnet er die phaiakische Küste als das Land, das von Norden kommend „am nächsten“ liegt.

Damit ergibt sich ein wichtiger geografischer Hinweis. Ich lokalisiere Scheria im Gebiet des antiken Sybaris am Ionischen Meer. Die Stadt war in der Antike für ihren außergewöhnlichen Reichtum bekannt und entspricht somit Homers Beschreibung der wohlhabenden Phaiaken.

Odysseus muss dafür nicht den langen Seeweg um Kalabrien nehmen. Zwischen der tyrrhenischen und der ionischen Küste bestanden bereits in der Antike Landverbindungen über die kalabrischen Isthmen. Für die Route aus dem Norden ist der Übergang von Laos zur Gegend von Sybaris besonders interessant. Er ist der „am nächsten” liegende Isthmus, wenn man von Norden kommt. Der Fluss Lao bildet dabei das westliche Tor zu diesem Verkehrsweg.

So ergibt sich eine plausible Verbindung:

 

Ogygia (Capri) → tyrrhenische Küste → Laos → Landweg über den Isthmus → Sybaris/Scheria.

 

Warum dauert die Fahrt 17 Tage?

Die Entfernung von Capri bis zur Mündung des Lao beträgt nämlich nur etwa 160 Kilometer Luftlinie. Auf den ersten Blick erscheint die Angabe von 17 Tagen deshalb ungewöhnlich lang.

Doch Odysseus reist nicht mit einem normalen Schiff, sondern mit einem einfachen Floß ohne Kiel. Er muss auf der gesamten Strecke gegen die vorherrschende Meeresströmung ankämpfen, die meiner Rekonstruktion zufolge etwa 1 km/h nach Norden verläuft.

Gerade deshalb kommt dem von Homer beschriebenen Gefährt eine besondere Bedeutung zu. Das Floß benötigt den Antrieb durch den Wind, um die Strömung zu überwinden. Es kann nur bei einer der vier möglichen Windrichtungen vorankommen: bei nördlichem Rückenwind. Bei allen anderen Windrichtungen kann Odysseus nicht einfach gegenan segeln. Er muss warten, an der Küste Schutz suchen und die Fahrt unterbrechen.

 

 

Die 17 Tage sind somit nicht als 17 ununterbrochene Segeltage zu verstehen, sondern als die Gesamtdauer der Reise. Diese wird von der Windrichtung, Gegenströmungen und notwendigen Ruhepausen beeinflusst.

 

Dadurch erhält auch eine scheinbar nebensächliche Bemerkung Homers eine neue Bedeutung. Nur während er „am Ruder saß”, schloss ihm kein Schlummer die Augen, jedoch nicht während der 17-tägigen Fahrt.

 

Und nun setzte er sich ans Ruder und steuerte künstlich über die Flut. 
Ihm schloss kein Schlummer die wachsamen Augen.“ (5, 270–271)

 

Bemerkenswert ist dabei der Unterschied zu Odysseus' vorheriger Drift auf dem Kielbalken. Auf der nahezu gleichen geografischen Strecke benötigte er keine Notbesegelung. Er wurde von der Strömung getragen. Auf dem Floß muss er dagegen gegen dieselbe Strömung nach Süden vorankommen.

Das erklärt auch, warum Homer dem Floß ausdrücklich eine Besegelung gibt, während der Kielbalken mit angebundenem Mast nach dem Schiffbruch ohne Segel auskommt.

Das Segel ist hier also kein bloßes erzählerisches Detail. Es ist für die Bewältigung dieser Etappe notwendig.

 

Das Ziel vor Augen

Am 18. Tag der Fahrt erscheinen vor Odysseus endlich die fernen Berge des phaiakischen Landes. Das Ziel ist erreicht – zumindest scheint es so. Doch gerade in diesem Augenblick greift Poseidon noch einmal ein.

Der Gott des Meeres erkennt, dass die anderen Götter Odysseus die Heimkehr ermöglichen wollen, und entfesselt einen gewaltigen Sturm. Winde aus allen Himmelsrichtungen treiben das Floß hin und her. Homer beschreibt Odysseus dabei wie eine vom Herbstwind verwehte Distel: Sein Floß wird zum Spielball der Wellen.

(Odyssee 5, 278–297 und 313–332)

Ein gewaltiger Brecher reißt Odysseus mitsamt Ruder und Takelage ins Meer. Seine Kleider beschweren ihn, doch mit letzter Kraft erreicht er das Floß wieder. Schließlich erscheint Leukothea, die Beschützerin der Schiffbrüchigen. Sie rät ihm, das Floß aufzugeben, seine Kleider abzulegen und schwimmend das Land der Phaiaken zu erreichen. Als Schutz gibt sie ihm ihren heiligen Schleier.

(Odyssee 5, 333–350)

Odysseus folgt ihrem Rat. Das Floß wird endgültig zurückgelassen. Von diesem Moment an ist er wieder allein auf sich gestellt – diesmal nur noch mit seiner Kraft und dem Schleier der Göttin.

Und neun Tage trieb ich umher; in der zehnten der Nächte

Führten die Himmlischen mich gen Ogygia, wo Kalypso

Wohnet, die schöngelockte, die hehre melodische Göttin;

Huldreich nahm sie mich auf..

Odyssee 12, 447-450

 

 

Wieder sind es nur wenige Zeilen, die nicht einfach übergangen werden können. Nach der Begegnung mit Charybdis treibt Odysseus neun Tage auf dem offenen Meer, bevor er in der zehnten Nacht Ogygia erreicht. Dabei ist er nach dem Schiffbruch auf sich allein gestellt und verfügt weder über Nahrung noch über Trinkwasser.

Ob ein Mensch unter diesen Bedingungen tatsächlich neun Tage überleben könnte, erscheint äußerst fraglich. Dennoch steht die Zahl neun ausdrücklich im Text. Sie begegnet aber auch an anderen Stellen des Epos, an denen eine wörtliche Interpretation ebenso wenig plausibel erscheint.

Ich habe die Vermutung entwickelt, dass Homer die Zahl neun als Platzhalter für „einige“ oder „mehrere“ verwendet – ähnlich wie im Deutschen mit „ein paar“ oder im Italienischen mit „quattro“ im Sinne von „einige“. Näheres dazu unter „Wissenswertes“.

 

Doch wo genau beginnt diese Drift nach Norden?

Für meine Rekonstruktion ist dafür die Lage der zweiten Skylla-Charybdis-Begegnung entscheidend. Aus der nächtlichen Drift nach dem Schiffbruch, den Windrichtungen und der anschließenden erneuten Begegnung mit Charybdis ergibt sich nach meiner Rekonstruktion ein Schauplatz an der Küste bei Poseidonia.

Dort liegt die kleine Insel Licosa unmittelbar vor der Küste des Cilento. Die Entfernung zwischen Insel und Festland entspricht zugleich jener engen Durchfahrt, die zu Homers Beschreibung der beiden Felsen passen könnte.

Damit ist Licosa für mich der Ausgangspunkt der anschließenden Drift.

Von hier aus setzt Odysseus seine Fahrt nicht mehr aus eigener Kraft fort. Er besitzt weiterhin nur den Kielbalken und ist der Strömung ausgeliefert. Die Küstenströmung verläuft in diesem Bereich nach Norden. Nach meinen Messungen beträgt ihre Geschwindigkeit ungefähr 1 km/h.

Die nächste Insel auf dieser Driftlinie ist Capri – Homers Ogygia.

Die Entfernung von Licosa bis Capri beträgt rund 70 Kilometer. Bei einer Driftgeschwindigkeit von etwa 1 km/h ergibt sich daraus eine Fahrzeit von ungefähr drei Tagen.

Damit erhält die von Homer erwähnte neuntägige Drift eine neue Perspektive: Odysseus muss nicht zwangsläufig neun Tage ununterbrochen auf dem Balken verbracht haben. Wie bereits gezeigt, könnte die Zahl neun bei Homer als Platzhalter für einige oder mehrere Tage verwendet worden sein.

Nach dieser Rekonstruktion erreicht Odysseus schließlich Ogygia, das heutige Capri. Dort nimmt ihn Kalypso auf, bei der er sieben Jahre bleibt.

Nach sieben Jahren erhält er von ihr die Erlaubnis zur Heimkehr. Sie hilft ihm, ein Floß zu bauen, mit dem er das Land der Phaiaken erreichen wird..

Odysseus baute mit viel Geschick in nur vier Tagen ein Floß. Dafür fällte er 20 Pappeln und Erlen. Kalypso besorgt ihm für diese Arbeit eine Axt, ein Beil, einen Bohrer sowie Nägel und Klammern. Das Floß erhielt außerdem eine Kajüte. Gegen die anrollende Flut schützt er es mit einer Reling aus Weiden. Mast, Segelstange und Ruder komplettieren den Bau. Nachdem die Holzarbeiten fertig waren, brachte Kalypso ihm noch Tücher, aus denen er ein Segel herstellte. 
Nachdem der Proviant verladen ist, sticht er am fünften Tag in See, um die Heimfahrt anzutreten. 
Dies wird ihm auf direktem Wege nicht gelingen. Der Heimweg wird zwangsläufig über das Land Scheria führen.

Das Floß nach Homers "Bauplan"

Die Rettung am Fluss

Zwei Tage und zwei Nächte treibt und schwimmt Odysseus durch das aufgewühlte Meer. Erst am dritten Morgen legt sich der Sturm, und er erkennt die Küste.

Doch auch jetzt ist die Rettung noch nicht erreicht. Die ersten Felsen sind steil, die Brandung ist gewaltig und das Wasser zu tief, um ans Ufer zu waten. Odysseus muss die gefährliche Küste umschwimmen, bis er schließlich eine flache, felsenfreie und windgeschützte Flussmündung erreicht.

(Odyssee 5, 388–414 und 423–440)

Hier findet seine Seefahrt ihr endgültiges Ende. Er ruft den Flussgott um Hilfe an, erreicht erschöpft das Ufer und legt den heiligen Schleier der Leukothea zurück ins Wasser.

(Odyssee 5, 441–463)

Damit ist die lange Seereise beendet. Nach 17 Tagen Fahrt, einem Sturm am Ziel und weiteren drei Tagen auf See erreicht Odysseus endlich das Land der Phaiaken.

Nackt, erschöpft und mittellos zieht er sich unter das Gebüsch zurück und fällt in einen tiefen Schlaf.

Die Mündung des Flusses Lao ins Meer.  

hier fand er bequem zum Landen das Ufer, 

niedrig und felsenleer, Odyssee 5, 442-443

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.