Kirkes Palast auf Ischia

Nachdem ich Ischia als jene Insel identifiziert hatte, die Homer als Aia, die Insel der Kirke, beschreibt, lag eine Frage nahe: Gibt es auf Ischia vielleicht auch einen konkreten Ort, der zu Homers Beschreibung von Kirkes Haus passt?

Nach einem Gebäude zu suchen, das rund 2.800 Jahre überdauert haben soll, erschien mir allerdings wenig erfolgversprechend. Deshalb suchte ich zunächst gar nicht danach.

Und trotzdem fand ich es.

Ein Zufallstreffer

Im Frühjahr 2019 war ich zur Behandlung bei dem ischitanischen Physiotherapeuten Rosario Schiano. Um mir die Wartezeit zu verkürzen, gab er mir das Buch Gast auf Ischia von Paul Buchner.

Darin entdeckte ich ein altes Foto eines freistehenden Felsenhauses auf einer kleinen Anhöhe.

Mein erster Gedanke war:

„Das muss Kirkes Palast sein!“

Felsenhäuser sind auf Ischia keineswegs ungewöhnlich. Es gibt hunderte davon, auf der ganzen Insel verteilt. Dieses aber war etwas Besonderes: Es stand frei, war mehrstöckig und lag exponiert über der Landschaft.

Die Bildunterschrift bezeichnete es als „Felsenhaus in den Weinbergen südlich von Forio“. Da diese Gegend für solche Felsenhäuser eher ungewöhnlich ist, vermutete ich einen Fehler in der Ortsangabe.

Mit Hilfe von Giovanni Mattera, einem ortskundigen Taxifahrer und Hobbyarchäologen, begann ich nach dem Haus zu suchen. Zunächst vergeblich. Schließlich erinnerte sich Giovanni an ein Felsenhaus im Ortsteil Fango bei Lacco Ameno.

Nach dem Vergleich mit dem Foto war klar: Wir hatten es gefunden.

Die Bewohnerin Brigida bestätigte, dass es sich um ihr Haus handelte, und erlaubte mir, die Dachterrasse zu betreten. Von dort bot sich ein weiter Blick über den Westen, Norden und Osten der Insel.

Passt das Haus zu Homers Beschreibung?

Homer nennt für Kirkes Wohnsitz mehrere Merkmale:

  • Er liegt am Fuß des Berges, nicht auf dessen Gipfel. (10,210)
  • Er befindet sich in exponierter Lage mit weitem Blick über die Insel und das Meer. (10.211)
  • Es verfügt über eine lange Außentreppe auf die Dachterrasse. (10,558)
  • Von dort muss die Nordküste sichtbar sein. (12, 16-17)
  • Als Baumaterial wird bearbeiteter Stein beschrieben. (10,211)
  • Das Gebäude muss ausreichend groß gewesen sein, um Odysseus und seine Gefährten gemeinsam aufzunehmen.

Diese Größe ergibt sich nicht aus einer ausdrücklichen Angabe Homers. Sie lässt sich jedoch aus dem Handlungsablauf erschließen: Nachdem Kirke die Gefährten in Schweine verwandelt und später wieder zurückverwandelt hat, befinden sich alle Gefährten wieder gemeinsam in ihrem Haus. Der Palast muss daher genügend Raum für die gesamte Gruppe geboten haben.

 

Das Felsenhaus in Fango weist bemerkenswerte Übereinstimmungen auf.

Es ist etwa 20 Meter lang, 8 Meter breit und 6 Meter hoch, besitzt zwei Etagen und eine Dachterrasse. Eine lange Treppe führt hinauf.

Auch seine Größe ist bemerkenswert. Homer nennt zwar keine Maße, doch aus der Handlung ergibt sich, dass Kirkes Haus genügend Raum für die gesamte Mannschaft bieten musste. Nachdem Kirke die Gefährten in Schweine verwandelt und später wieder zurückverwandelt hat, sind sie anschließend alle gemeinsam im Haus.

 

Das Gebäude wurde nicht aus einzelnen Steinen errichtet, sondern aus einem massiven Tuffsteinblock herausgearbeitet.

Gerade diese Bauweise könnte erklären, warum spätere Übersetzungen den Charakter des Gebäudes anders wiedergeben und von Steinen in der Mehrzahl sprechen.

Auch die Lage passt: Das Haus steht an einer Hangkante und ist vom Gipfel des Epomeo aus sichtbar. Die Bucht von San Montano, die ich als möglichen Landungsplatz des Odysseus identifiziere, liegt nur etwa drei Kilometer entfernt.

Warum konnte ein solches Haus so lange erhalten bleiben?

Hier liegt vielleicht der ungewöhnlichste Aspekt dieser Entdeckung.

Ein gewöhnliches antikes Steinhaus kann abgetragen, umgebaut oder durch spätere Gebäude vollständig ersetzt werden. Dieses Haus dagegen wurde aus dem gewachsenen Tuff herausgearbeitet. Der Felsblock selbst konnte nicht einfach abtransportiert werden.

Auf einer Karte von 1965 ist im Umkreis von etwa 100 Metern lediglich dieses Objekt als „La Pietra“ eingezeichnet. Damals stand es noch frei in den Weinbergen von Lacco Ameno. Heute ist es von anderen Gebäuden umgeben.

Das erklärt zumindest, warum sich die Grundstruktur eines solchen Felsenhauses über lange Zeit erhalten konnte.

„Quattro limoni“ – vier Zitronen, die keine vier waren.           Ischia, 14. Mai 2007

Ein ungewöhnlicher Gedanke zu Kirke

Noch eine persönliche Überlegung fasziniert mich.

Ich stelle mir Kirke weniger als eine „Hexe“ im späteren Sinne vor, sondern eher als eine frühe Heilerin oder Therapeutin. In unmittelbarer Nähe des Felsenhauses befinden sich eine Thermalquelle und ein Fangoauffangbecken.

Vielleicht waren Thermalwasser und Heilschlamm die „Zaubermittel“, die aus der Sicht späterer Generationen zu den geheimnisvollen Fähigkeiten der Kirke wurden.

Das ist natürlich eine Interpretation – aber eine, die erstaunlich gut zur vulkanischen Landschaft Ischias passt.

Mein Fazit

Ich behaupte nicht, dass sich durch dieses Felsenhaus allein Kirkes Palast archäologisch beweisen lässt.

Aber die Kombination ist bemerkenswert:

Lage am Epomeo – exponierter Standort – Blick über Meer und Insel – Nordküste sichtbar – mehrgeschossiges Gebäude – Dachterrasse – lange Treppe – massiver Tuffsteinblock – Nähe zur möglichen Anlandestelle.

Für mich erfüllt das Felsenhaus in Fango damit die wesentlichen Merkmale, die ich bei der Suche nach Kirkes Haus aus Homers Beschreibung ableiten konnte.

 

Aus heutiger Sicht mag dieses Felsenhaus kaum als „Palast“ erscheinen. Im Vergleich zu den einfachen Behausungen jener Zeit muss ein mehrgeschossiger, großer und exponierter Wohnsitz jedoch durchaus außergewöhnlich gewirkt haben.

 

Vielleicht steht Kirkes Palast noch heute auf Ischia – unscheinbar, aus dem gewachsenen Fels gehauen und mitten in der modernen Bebauung.

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