Der Torre Sant Angelo – Homers Sireneninsel
Der markante Felsvorsprung vor Sant’Angelo ist vulkanischen Ursprungs. Heute verbindet ihn ein flacher Damm mit Ischia. Doch genau dieser Damm stellt zunächst ein scheinbar unüberwindbares Problem für meine Rekonstruktion dar: Wie sollte Odysseus zwischen Ischia und der Sireneninsel hindurchfahren, wenn hier heute gar keine Durchfahrt mehr existiert?
Auch Homer liefert einen wichtigen Hinweis: Die Sirenen sitzen auf einer blühenden Insel und erwarten dort die vorbeifahrenden Seeleute. Der Torre Sant’Angelo besitzt auf seiner Nordseite eine ebene Fläche, die sich dafür grundsätzlich eignet. Heute ist sie bebaut; historische Aufnahmen zeigen jedoch, dass dort bereits vor mehr als hundert Jahren Häuser standen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb:
War der Torre Sant’Angelo zu Homers Zeit überhaupt eine Insel?
Der versunkene Zugang
Dass diese Möglichkeit zunächst überraschend erscheint, liegt an der heutigen Landschaft. Der flache Damm zwischen Torre und Ischia besteht nach Aussagen von Einheimischen im Untergrund aus massivem Fels. Eine einfache spätere Aufschüttung schien damit zunächst nicht erklärbar.
Die Lösung könnte der Bradyseismus sein – die durch vulkanische Prozesse verursachten Hebungen und Senkungen des Bodens im Gebiet der Phlegräischen Felder und auf Ischia.
Auf Ischia selbst gibt es dafür deutliche Hinweise. Auch das Nympharium bei Lacco Ameno befindet sich heute mehrere Meter unter dem Meeresspiegel. Solche Veränderungen zeigen, dass sich die Beziehung zwischen Land und Meer auf der Insel in historischer Zeit erheblich verändern konnte.
Die entscheidende Spur fand ich jedoch bei den Untersuchungen von Paul und Georg Buchner. Sie wiesen an der Küste von Maronti eine junge Strandlinie in 15 bis 30 Metern Höhe nach. In den zugehörigen Strandablagerungen fanden sich römische Keramikscherben.
Damit ist belegt, dass dieser Küstenbereich in jüngerer geologischer Vergangenheit deutlich tiefer lag als heute.
Der Inselbeweis
Für meine Rekonstruktion ist diese Erkenntnis entscheidend.
Wenn der Marontistrand in römischer Zeit tiefer lag, liegt die Vermutung nahe, dass auch der nahe Torre Sant’Angelo, der auf derselben tektonischen Bruchlinie liegt, damals tiefer gelegen haben könnte als heute.
Buchners Beobachtungen von 1939 erhalten durch die Ereignisse der vergangenen fünf Jahre eine bemerkenswerte nachträgliche Bestätigung:
Wiederholt kam es am Marontistrand zu gewaltigen Hangabbrüchen. Große Mengen von Gestein und Erdreich lösten sich aus der erhöhten Küstenwand und stürzten zum Meer hinab.
Der Zusammenhang ist dabei nicht so zu verstehen, dass die von Buchner festgestellte Hebung heute noch andauert. Die tektonische Bewegung selbst ist längst abgeschlossen. Ihre Folgen sind jedoch bis heute im Landschaftsbild erkennbar.
Vereinfacht kann man sich den Vorgang wie im Garten vorstellen: Hebt man mit dem Spaten einen gewachsenen Boden an, wird die aufgebrochene Struktur instabil und beginnt zu zerfallen. Was beim Umgraben des Gartens erwünscht ist, wird an einer steilen Küste zum Problem.
Der vor Jahrtausenden angehobene Küstenbereich ist damit weniger stabil als der ursprüngliche, vor etwa 50.000 Jahren entstandene Berghang. Die heutigen Hangabbrüche zeigen eindrucksvoll, welche langfristigen Folgen eine solche Hebung für die Stabilität der Küste haben kann.
Auch an der steilen Nordflanke des Torre Sant’Angelo kam es in den vergangenen Jahren zu Abbrüchen. Deshalb wurde die Steilwand 2025 mit erheblichem Aufwand durch Ankerbohrungen und Stahlnetze stabilisiert.
Diese jüngsten Veränderungen stützen damit die von den Buchners beschriebene geologische Entwicklung und machen verständlich, wie stark sich die Küstenlandschaft auf Ischia im Laufe der Zeit verändern konnte.
Damit erhält auch der heute vorhandene Damm zwischen Torre und Ischia eine neue Bedeutung:


„Quattro limoni“ – vier Zitronen, die keine vier waren. Ischia, 14. Mai 2007
Was heute wie eine feste Landverbindung aussieht, muss zu Homers Zeit nicht existiert haben.
Der Torre Sant’Angelo konnte damals als eigenständiges Eiland vor der Küste gelegen haben – mit einer offenen Durchfahrt zwischen Insel und Hauptinsel.
Der Torre Sant’Angelo war einmal eine Insel – und könnte damit Homers Sireneninsel gewesen sein.
