Champaults Scheria – und warum Ischia nicht Scheria sein kann

Seit mehr als hundert Jahren sehen viele Ischitaner in ihrer Insel Homers Scheria.

1905 veröffentlichte der französische Gelehrte Philippe Champault sein rund 600 Seiten umfassendes Werk Phéniciens et Grecs en Italie d’après l’Odyssée. Darin identifizierte er Ischia mit Scheria und den Sitz des Alkinoos mit dem Castello Aragonese.

Auch Don Ciro Scotti übernahm diese Grundidee in seiner Dissertation von 1908.

In meinem Buch Die Odyssee 4.0 habe ich dagegen Indizien zusammengetragen, die für eine andere Zuordnung sprechen: Ischia ist Homers Aia, die Insel der Circe – Scheria dagegen ist auf dem süditalienischen Festland bei Sybaris zu suchen.

Damit steht zunächst scheinbar 3:0 für Champault: Er war promovierter Arzt, seine Theorie hat auf Ischia eine lange Tradition, und sogar zwei Straßen tragen seinen Namen.

Ich dagegen bin weder Archäologe noch Gräzist noch Ischitaner.

Deshalb bleibt nur eines: Champaults Argumente am homerischen Text selbst zu prüfen.

 

Champaults Seefahrts-Rekonstruktion

Ein wesentlicher Bestandteil von Champaults Argumentation sind die Entfernungen und Fahrzeiten der Odyssee.

 

Champault verlegt den Schiffbruch des Odysseus in die Straße von Messina und setzt Gibraltar als Region der Ogygia an. Auf Seite 25 seines Werkes schreibt er ausdrücklich: „Du détroit de Messine à Gibraltar…“

Philippe Champault, Phéniciens et Grecs en Italie d’après l’Odyssée, Paris 1905, S. 25.

 

 – von der Straße von Messina bis Gibraltar. Die von Homer genannten neun Tage und neuneinhalb Nächte interpretiert er als die für diese Strecke benötigte Fahrzeit.

 

 

Doch bereits die Entfernungen bereiten erhebliche Schwierigkeiten.

Von der Straße von Messina bis Gibraltar sind es ungefähr 1.900 Kilometer. Champaults Rekonstruktion setzt dafür eine außergewöhnlich hohe Geschwindigkeit voraus – und zwar auf dem Kielbalken treibend, den Odysseus sogar nur mit den Händen fortbewegt.

 

Champaults Annahmen:
Für seine Berechnungen setzt Champault für einen Tag 15 bis 16 Stunden und für die Nacht 8 bis 9 Stunden an.

Für die neun Tage der Fahrt ergibt sich bei der von ihm zugrunde gelegten maximalen Tagesdauer:

9 Tage × 16 Stunden = 144 Stunden Tagesfahrt

Bei einer Entfernung von rund 1.900 Kilometern entspricht das:

1.900 km ÷ 144 Stunden = 13,2 km/h

Die Geschwindigkeit von 13,2 km/h nennt Champault nicht ausdrücklich. Sie ergibt sich rechnerisch aus seinen eigenen Entfernungs- und Zeitangaben.

 

Anm. zu der Zeitangabe der "16 Stunden"

Phéniciens et Grecs en Italie d’après l’Odyssée, Paris 1905, S. 26 Anm. 1.

 

Champault nimmt Homers Zahlen ernst – wir sollten deshalb auch seine eigenen Zahlen ernst nehmen.

 

Noch problematischer ist Homers Beschreibung von Ogygia. Calypso ist die Tochter des Atlas und lebt;

 

Auf der umflossenen Insel, der Mitte des wogenden Meeres

Eine Göttin bewohnt das waldumschattete Eiland,

Atlas' Tochter, des Allerforschenden, welcher des Meeres

Dunkle Tiefen kennt, und selbst die ragenden Säulen

Aufhebt, welche die Erde vom hohen Himmel sondern.

Odyssee 1, 50-54

 

Ogygia ist bei Homer eindeutig eine Insel.

Gibraltar dagegen ist eine Landspitze des europäischen Festlandes und keine Insel. Die Gleichsetzung von Ogygia mit Gibraltar beruht daher nicht auf einer direkten Aussage Homers, sondern auf einer späteren geografischen Tradition.

Noch schwieriger wird Champaults Rekonstruktion bei der anschließenden Floßfahrt nach Scheria.. 

Homer berichtet, dass Odysseus am 18. Tag die Berge des Phäakenlandes erblickt (Od. 5,278–281).

Eine Reise von Gibraltar bis nach Ischia lässt sich mit den angenommenen Geschwindigkeiten eines solchen Floßes nur schwer mit dieser Zeitangabe vereinbaren.

Die Fahrzeiten sprechen daher eher gegen als für Champaults Lokalisierung.

 

Scheria – Insel oder Land?

Noch wichtiger ist jedoch Homers eigene Wortwahl.

Homer bezeichnet Scheria wiederholt als „Land der Phäaken“Φαιήκων γαῖα.

So heißt es:

„in das glückliche Land der göttlichen Phäaken“
Od. 5

und:

„an das Phäakenland, allwo die Rettung bestimmt ist“
Od. 5

Auch beim Betreten der Stadt heißt es:

„ging hinein in das Land, zur Stadt der phäakischen Männer“
Od. 6

Das ist auffällig.

Denn wenn Homer eine Insel meint, verwendet er an zahlreichen Stellen ausdrücklich das Wort νῆσος – Insel.

Bei Ogygia, Ithaka und vielen anderen Inseln tut er genau das.

Scheria wird dagegen als Land bezeichnet.

Damit wird Champaults Vorstellung einer Insel Scheria zumindest erklärungsbedürftig.

 

Der Palast des Alkinoos

Champault identifiziert den Palast des Alkinoos mit dem Castello Aragonese.

Seine Argumentation stützt sich unter anderem auf die Beschreibung des Weges zur Stadt. Doch Homers Text beschreibt nicht das „Hinaufsteigen“ auf einen Felsen, sondern das Erreichen der Stadt:

„Und wenn wir die Stadt erreichen, die ein hoher Turm umgibt …“

Entscheidend ist außerdem, was Homer anschließend beschreibt:

einen Hafen zu beiden Seiten der Stadt und einen schmalen Isthmus.

Auch an anderer Stelle bewundert Odysseus die Häfen, die Schiffe, die Versammlungsplätze und die langen Mauern der Stadt.

Das ergibt ein Bild einer ausgedehnten, befestigten Stadt an einer Küste mit mehreren Hafenbereichen – nicht zwingend das Bild einer Burg auf einem isolierten Felsen.

„Quattro limoni“ – vier Zitronen, die keine vier waren.           Ischia, 14. Mai 2007

Weitere Widersprüche

Mehrere Einzelheiten der Scheria-Beschreibung passen nur schwer zu Ischia und zum Castello Aragonese:

Der Fluss:
Odysseus gelangt an der Mündung eines Flusses an Land. Ischia besitzt zwar Wasserläufe, aber keinen Fluss von der Größenordnung, die Homers Beschreibung nahelegt.

Die Entfernung zum Waschplatz:
Nausikaa fährt früh am Morgen mit ihren Mägden zum Waschen und kehrt erst am Abend zurück. Die von Champault angenommene Entfernung vom Castello Aragonese bis Casamicciola ist dafür sehr gering.

Die Agora:
Homer erwähnt einen öffentlichen Versammlungsplatz, die Agora. Ein solcher Platz gehört zum Bild der phäakischen Stadt. Für das Castello Aragonese lässt sich daraus kein entsprechendes Merkmal ableiten.

 

Die zwölf Fürsten:
Homer spricht von zwölf ehrwürdigen Fürsten der Phäaken. Das passt zu einer politisch und wirtschaftlich bedeutenden Stadtgesellschaft eher als zu einer kleinen Inselgemeinschaft.

Die zwei Häfen:
Homer beschreibt zwei Häfen beziehungsweise Hafenbereiche. Diese lassen sich nicht überzeugend allein durch das Wasser vor dem Castello und einen künstlich konstruierten Steg erklären.

Die Phönizier:
Champault verbindet die Phäaken mit den Phöniziern. Für eine entsprechende phönizische Besiedlung Ischias fehlt jedoch der archäologische Nachweis.

Ein bemerkenswertes Detail: Die „Gastfreundschaft“ Scherias

Bleibt die Frage: Muss Ischia nun traurig sein, wenn es nicht mehr Homers gastfreundliches Scheria ist?

Eigentlich nicht.

Denn Scheria ist bei Homer keineswegs das Musterbild einer offenen und fremdenfreundlichen Insel.

Als Nausikaa Odysseus den Weg zur Stadt erklärt, warnt sie ihn:

 

Denn die Leute sind hier den Fremden nicht allzu gewogen,
und bewirten sie nicht sehr freundlich …“
Od. 7,31–34

 

Und als Odysseus schließlich den Palast des Alkinoos erreicht, gelangt er nur deshalb unbemerkt hinein, weil Athene ihn in Nebel hüllt:

 

„Rings in Nebel gehüllt, den ihm Athene umgossen …“
Od. 7,139–141

 

Von uneingeschränkter Gastfreundschaft kann hier kaum die Rede sein.

Das steht in einem bemerkenswerten Gegensatz zu dem Ischia, das ich selbst seit Jahren erlebe.

Auf Homers Aia – meinem Ischia – erfahre ich immer wieder eine herzliche und selbstverständliche Gastfreundschaft, ganz ohne Athenes schützenden Mantel.

Und ist es nicht ein schöner Gedanke, dass Odysseus auf dieser Insel gleichsam einen langen „Wellnessaufenthalt“ verbrachte – vielleicht die schönste Zeit seiner zwanzigjährigen Irrfahrt fern von Ithaka?

 

Fazit

Champaults Identifikation von Ischia mit Scheria beruht vor allem auf einer geografischen Rekonstruktion, die mehrere homerische Angaben sehr weit auslegen muss.

Homer beschreibt Scheria als Land der Phäaken, mit einer befestigten Stadt, öffentlichen Versammlungsplätzen, mehreren Hafenbereichen, einem Isthmus und einer ausgedehnten Landschaft.

Dieses Bild passt nach meiner Analyse nicht überzeugend zum Castello Aragonese und seiner Umgebung.

Wenn wir dagegen die Scheria-Beschreibung als Hinweis auf eine bedeutende Festlandsstadt lesen, eröffnet sich eine andere Möglichkeit:

 

Sybaris.

Damit wird aus der scheinbaren Schwäche meiner Ischia-Theorie eine entscheidende Frage:

Wenn Ischia nicht Scheria ist – wo liegt dann das Land der Phäaken?

 

Die Antwort führt uns nach Sybaris.

 

Der ereignisreichste Tag – Champaults Route auf dem Prüfstand

Einen Trumpf gegen Champault habe ich noch: den ereignisreichsten Tag der Odyssee.

Wir haben diesen Tag ausführlich untersucht und festgestellt, dass sich alle fünf Stationen in der von Homer beschriebenen Zeit von einem einzigen Tag nachvollziehbar miteinander verbinden lassen:

Aia – Windstille – Sireneninsel – Skylla/Charybdis – Thrinakia.

Wie sieht Champault diesen Tag?

Betrachten wir seine fünf Stationen:

Aia:
Champault setzt Aia mit der winzigen Insel Pianosa gleich – ohne Berg, ohne Bach und ohne jede Entsprechung zu den Besonderheiten, die Homer von Aia berichtet.

Windstille:
Ein entsprechender Punkt ist in seiner Rekonstruktion nicht erkennbar.

Sireneninsel:
Champault lokalisiert sie bei der Insel Licosa.

Fumarole:
Auch für die von Homer beschriebene Fumarole findet sich in dieser Rekonstruktion keine entsprechende Station.

Skylla und Charybdis:
Hier folgt Champault der traditionellen Vorstellung und setzt die Begegnung in die Straße von Messina.

Thrinakia:
Champault identifiziert Thrinakia mit Sizilien. Obwohl Homer bei der tatsächlichen Fahrt die Insel Stromboli nicht mehr erwähnt, führt Champault Stromboli als Zwischenpunkt seiner Route.

Soweit seine Rekonstruktion.

Trägt man diese Positionen auf der Landkarte ein, ergibt sich für diesen einen Tag eine Strecke von rund 750 Kilometern Luftlinie – und das überwiegend rudernd, wie die Situation des Odysseus es nach Champaults eigener Rekonstruktion verlangt.

Und jetzt wird es interessant.

Champault selbst ist aufgefallen, dass diese Strecke nicht an einem Tag zurückgelegt werden kann.

Doch welche Schlussfolgerung zieht er daraus?

Er korrigiert nicht seine eigene Rekonstruktion. Stattdessen stellt er fest, dass Homer hier offenbar Zeitangaben vergessen habe.

Auf Seite 599 schreibt Champault im Zusammenhang mit Chapitre III – La route vers la Grèce et l’Orient:

„Pourquoi les distances et les orientations font ici absolument défaut?“

Warum fehlen hier also Entfernungen und Richtungsangaben völlig?

Damit liegt die Ursache für die Diskrepanz nach Champaults eigener Argumentation nicht in seiner Rekonstruktion, sondern im homerischen Text.

 

Die Diskrepanz erklärt Champault nicht mit einer möglichen Schwäche seiner eigenen Rekonstruktion, sondern mit einer vermeintlichen Lücke bei Homer.

 

Bei meiner Rekonstruktion liegen dieselben fünf Stationen dagegen innerhalb eines Tages in einer Entfernung von nur etwa 30–35 Kilometern.

 

 

 

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