Pithekoussai - Das Herz der Odyssee

Ischia ist nicht Scheria - warum Champults Theorie nicht stimmen kann.

Seit mehr als hundert Jahren sehen viele Ischitaner in ihrer Insel Homers Scheria. Doch was sagt Homer tatsächlich über das Land der Phäaken?

1905 identifizierte der französische Gelehrte Philippe Champault Ischia mit Scheria und den Sitz des Alkinoos mit dem Castello Aragonese. Er war promovierter Arzt, seine Theorie hat auf Ischia eine lange Tradition, und sogar zwei Straßen tragen seinen Namen.

Auch Don Ciro Scotti aus Piedimonte übernahm diese Grundidee in seiner Dissertation von 1908.

Ich dagegen bin weder Archäologe noch Gräzist noch Ischitaner und behaupte, dass Ischia die gastfeindliche Insel der Kirke ist, die die Gäste in Schweine verwandelt.

 

Damit steht zunächst scheinbar 3:0 für Champault: 

Deshalb bleibt nur eines: Champaults Argumente am homerischen Text selbst zu prüfen.

 

Meine eigene Untersuchung führte mich jedoch zu einer weiteren Frage: Passt Scherias Landschaft wirklich zu Ischia – oder lässt sie sich anhand der homerischen Angaben an einem anderen Ort überzeugender wiederfinden?

Deshalb habe ich Champaults Argumentation am homerischen Text selbst überprüft – und bin dabei Schritt für Schritt auf Sybaris am Golf von Tarent gestoßen.

 

Champaults Seefahrts-Rekonstruktion

Ein wesentlicher Bestandteil von Champaults Argumentation sind die Entfernungen und Fahrzeiten der Odyssee.

 

Champault verlegt den Schiffbruch des Odysseus in die Straße von Messina und setzt Gibraltar als Region der Ogygia an. Auf Seite 25 seines Werkes schreibt er ausdrücklich: „Du détroit de Messine à Gibraltar…“

Philippe Champault, Phéniciens et Grecs en Italie d’après l’Odyssée, Paris 1905, S. 25.

 

Von der Straße von Messina bis Gibraltar. 

Die von Homer genannten neun Tage und neuneinhalb Nächte interpretiert er als die für diese Strecke benötigte Fahrzeit.

 

Doch bereits die Entfernungen bereiten erhebliche Schwierigkeiten.

Von der Straße von Messina bis Gibraltar sind es ungefähr 1.900 Kilometer. Champaults Rekonstruktion setzt dafür eine außergewöhnlich hohe Geschwindigkeit voraus – und zwar auf dem Kielbalken, gegen die vorherrschende Meeresströmung treibend, den Odysseus sogar nur mit den Händen fortbewegt.

 

Champault setzt für einen Tag 15 bis 16 Stunden und für eine Nacht 8 bis 9 Stunden an. Doch Odysseus ist nach dem Schiffbruch nicht mehr mit einem Schiff unterwegs. Homer beschreibt ausdrücklich, wie er sich auf den Kielbalken setzt und „mit den Händen“ rudert (Od. 12,444).

Die Nachtstunden können deshalb nicht einfach als zusätzliche aktive Fortbewegungszeit angesetzt werden. Selbst wenn man zu Champaults Gunsten annimmt, dass Odysseus an jedem der neun Tage die maximal möglichen 16 Stunden ununterbrochen mit den Händen paddelt, stehen für die Strecke von rund 1.900 Kilometern nur 9 × 16 Stunden = 144 Stunden aktive Fortbewegung zur Verfügung: 1.900 km ÷ 144 Stunden = 13,2 km/h

Bei nur 15 Stunden täglicher Fortbewegung wären sogar 14,1 km/h erforderlich. Dabei ist die Gegenströmung noch nicht berücksichtigt.

Die 13,2 km/h sind dabei keine von Champault genannte Geschwindigkeit. Sie ergeben sich aus seinen eigenen Entfernungs- und Zeitangaben – und bereits unter einer für seine Rekonstruktion äußerst günstigen Annahme.

Champault nimmt Homers Zahlen ernst – wir sollten deshalb auch seine eigenen Zahlen ernst nehmen.

 

Anm. zu der Zeitangabe der "16 Stunden"

Phéniciens et Grecs en Italie d’après l’Odyssée, Paris 1905, S. 26 Anmerkung 1.

 

Erklärungsversuch mit einem entscheidenden Haken: Champault verweist zur Erklärung der außergewöhnlichen Reisegeschwindigkeiten auf die besonderen, geradezu magischen Schiffe der Phäaken. Doch Odysseus besitzt auf seiner Irrfahrt kein solches Schiff. Sein eigenes Schiff ist längst untergegangen. Er treibt zunächst auf dem Meer, rettet sich später auf ein Stück Holz.

Die außergewöhnlichen Schiffe der Phäaken kommen erst am Ende der Odyssee ins Spiel – als die Phäaken Odysseus von Scheria nach Ithaka bringen. Sie können deshalb nicht als Erklärung für die Entfernungen und Geschwindigkeiten seiner vorherigen Irrfahrt dienen.

Damit löst Champault das Problem nicht – er verlagert es lediglich auf ein Verkehrsmittel, das Odysseus auf diesen Strecken überhaupt nicht zur Verfügung stand.

 

Champault nimmt Homers Zahlen ernst – wir sollten deshalb auch seine eigenen Zahlen ernst nehmen.

 

Was sagt Homer tatsächlich über Scheria?

Champaults Rekonstruktion steht und fällt letztlich mit der Frage, ob seine geografische Zuordnung tatsächlich aus Homers Beschreibung hervorgeht. Deshalb lohnt es sich, Scheria zunächst ohne Champaults Karte und ohne seine Entfernungsberechnungen zu betrachten.

Dabei ist eine Unterscheidung entscheidend: Homer bezeichnet Scheria an keiner Stelle als Insel. Die Vorstellung, das Land der Phäaken müsse eine Insel sein, ist keine ausdrückliche Angabe des homerischen Textes.

Tatsächlich wird Scheria von den meisten Analytikern als Festland verstanden. Champault geht hier einen anderen Weg. Er benötigt eine Insel, weil seine Rekonstruktion der Rückfahrt von Ogygia ihn an die Küste Italiens führt und er anschließend nach einer Insel sucht, die seinen topografischen Kriterien entspricht.

Damit verschiebt sich die entscheidende Frage:

 

Nicht: Welche Insel könnte Homers Scheria sein?

Sondern:

Welche Landschaft beschreibt Homer tatsächlich als Scheria – und welche reale Landschaft entspricht dieser Beschreibung am ehesten?

Genau hier wird der homerische Text interessant. Denn Homer nennt Merkmale, die sich konkret überprüfen lassen: eine bedeutende Stadt, einen zentralen Versammlungsplatz, Häfen und ein fruchtbares Umland. Besonders aufschlussreich sind dabei die Angaben im 6. und 8. Gesang.

Agora: Od. 6,265; 8,5–16 und 8,110
Häfen: Od. 6,263 beschreibt ausdrücklich zwei Häfen.

Diese Angaben führen zu einer ganz anderen Frage, als Champault sie stellt:

Passt Homers Scheria tatsächlich zu Ischia – oder lassen sich seine Beschreibungen auf dem süditalienischen Festland bei Sybaris überzeugender zusammenführen?

 

Agora und zwei Häfen

Homer beschreibt Scheria als eine ausgeprägte Stadtlandschaft. Besonders deutlich wird das bei der Ankunft des Odysseus.

Nausikaa weist ihm den Weg zur Stadt der Phäaken. Dort gelangt Odysseus zunächst zur Agora, dem zentralen Versammlungsplatz der Stadt. Homer beschreibt sie nicht als nebensächlichen Platz, sondern als einen festen Bestandteil des städtischen Lebens.

Noch aufschlussreicher ist die Beschreibung der Häfen. Im 6. Gesang heißt es, dass die Stadt über zwei Häfen verfügt. Homer erwähnt dabei auch die Lage und die Befestigung der Hafenanlagen.

Damit erhalten wir zwei konkrete geografische Hinweise: eine bedeutende Agora und zwei Häfen.

Beides sind keine Merkmale, die Homer lediglich aus einer abstrakten Vorstellung einer Phäakenstadt ableitet. Sie gehören zur konkreten Beschreibung von Scheria.

Genau deshalb lohnt sich der Vergleich mit realen Orten. Wenn Scheria auf Ischia liegen soll, müsste sich dort eine Landschaft finden lassen, die diese Beschreibung nachvollziehbar erfüllt.

Bei Sybaris finden sich dagegen genau jene Voraussetzungen, die Homer erwarten lässt: eine bedeutende Stadt am Meer, ein städtischer Versammlungsplatz und mehrere Hafenanlagen.

Damit ergibt sich ein erster wichtiger Unterschied zu Champaults Theorie: 

Für Ischia muss die homerische Beschreibung passend gemacht werden – bei Sybaris lässt sie sich zunächst unmittelbar mit den geografischen Gegebenheiten vergleichen.

 

Sybaris – eine auffällige Übereinstimmung

Vergleicht man diese Beschreibung mit dem antiken Sybaris, drängt sich eine auffällige Parallele auf. Im Mündungsgebiet der beiden Flüsse Cratis und Sybaris lagen die Flussmündungen etwa 4 bis 5 Kilometer voneinander entfernt. Dazwischen befand sich das Stadtgebiet von Sybaris.

Damit ergibt sich ein Landschaftsbild, das bemerkenswert gut zu Homers Beschreibung passt: zwei Wasserzugänge an den beiden Seiten einer ummauerten Stadt.

Homer spricht von „an jeglicher Seit'“ von einem trefflichen Hafen. Wenn man diese Angabe nicht als zwei beliebig angeordnete Hafenbecken versteht, sondern die Lage der beiden Häfen in Bezug auf die ummauerte Stadt berücksichtigt, entsteht ein erstaunlich konkretes geografisches Bild.

Bei Sybaris finden wir genau eine solche Grundsituation: eine Stadt zwischen zwei Wasserläufen, deren Mündungsgebiete an den beiden Seiten des Stadtgebietes lagen.

Das ist noch kein archäologischer Beweis für die Gleichsetzung von Sybaris und Scheria. Aber es ist ein konkreter geografischer Befund, der die homerische Beschreibung überprüfbar macht – und der bei der Suche nach Scheria nicht einfach übergangen werden sollte.

 

Auch die archäologischen Befunde sind bemerkenswert. Nach Angaben von ItalyTripper.com haben die Ausgrabungen von Sybaris unter anderem Wohnviertel, Tempel und zahlreiche Alltagsgegenstände freigelegt. ItalyTripper.com

Ob der Tempel Poseidon geweiht war, (6,266) lässt sich aus dieser Quelle allerdings nicht ableiten. Der Hinweis ist deshalb kein Beweis für eine Übereinstimmung mit Homers Scheria, sondern lediglich ein weiterer Anhaltspunkt, den es anhand archäologischer Fachliteratur zu überprüfen gilt.

 

Nach Auskunft eines Mitarbeiters des Museums vor Ort, die ein italienischer Freund bei seinem Besuch erhielt, sollen die erhaltenen Sitzränge Platz für etwa 3.500 Personen geboten haben.

 

Das fruchtbare Umland

Homer beschränkt sich bei Scheria nicht auf die Beschreibung einer Stadt. Besonders eindrucksvoll ist der Garten des Alkinoos: Birnen, Granatäpfel, Oliven, Feigen und Äpfel wachsen dort, dazu Weinreben, Gemüse und Blumen. Zwei Quellen versorgen den Garten und den Palast mit Wasser. Bemerkenswert ist auch Homers Hinweis, dass die Früchte dort „weder im Sommer noch Winter“ fehlen.

Ein solches Bild einer außergewöhnlich fruchtbaren Landschaft findet sich auch im Schwemmland von Sybaris. Die beiden Flüsse Cratis und Sybaris schufen eine äußerst fruchtbare Ebene. Nach den überlieferten Angaben wurden dort Wein, Oliven und Getreide in großem Umfang angebaut; hinzu kam eine bedeutende Viehzucht.

Damit begegnen uns bei Homer und in der Landschaft von Sybaris mehrere auffällige Gemeinsamkeiten: fruchtbarer Boden, Weinbau, Oliven, Getreide und eine durch Wasserreichtum begünstigte Landwirtschaft.

Der Vergleich geht sogar über die Landwirtschaft hinaus. Der außergewöhnliche Wohlstand von Sybaris beruhte wesentlich auf den Erträgen dieser fruchtbaren Landschaft und dem Handel. Im 6. Jahrhundert v. Chr. galt Sybaris als eine der wohlhabenden griechischen Poleis.

Homers Scheria erscheint damit nicht als abgelegene, karge Insel, sondern als das Zentrum einer reichen und fruchtbaren Landschaft. Auch unter diesem Gesichtspunkt verdient das Schwemmland von Sybaris einen näheren Blick.

 

Passen die räumlichen Dimensionen des von Homer beschriebenen Scheria überhaupt zu Ischia? Und wie sieht derselbe Vergleich mit Sybaris aus?

 

Das Castello Aragonese als Scheria?

Champault setzt Scheria nicht mit der gesamten Insel Ischia gleich. Nach seiner Vorstellung befindet sich der Sitz des Alkinoos auf dem Castello Aragonese, dem markanten Felsen vor Ischia Ponte.

Genau hier entsteht jedoch ein erhebliches chronologisches Problem. Die erste überlieferte Befestigung des Felsens wird auf 474 v. Chr. datiert – mehr als zweieinhalb Jahrhunderte nach der griechischen Besiedlung von Pithekoussai.

Die heutige Burganlage ist sogar noch wesentlich jünger. Ihre charakteristische Gestalt erhielt das Castello vor allem durch die umfangreichen Baumaßnahmen unter Alfonso von Aragón im 15. Jahrhundert.

Für Champaults Gleichsetzung mit Homers Scheria stellt sich deshalb eine einfache Frage: 

Wo ist die große, von Homer beschriebene Stadt geblieben?

Homer beschreibt nicht lediglich einen befestigten Herrensitz. Er beschreibt eine ummauerte Stadt mit zwei Häfen, einer Agora, einer großen öffentlichen Anlage und einem reichen Umland.

Auf dem kleinen Felsen des heutigen Castello lässt sich eine solche Stadtlandschaft kaum unterbringen.

 

„Hinauf zur Stadt“ – was sagt Homer tatsächlich?

Champault legt großen Wert auf die Vorstellung, dass Odysseus „zur Stadt hinaufsteigt“. In seiner Übersetzung der homerischen Stelle heißt es:

„Nous allons monter à la ville“
„Wir wollen zur Stadt hinaufgehen.“

Später schreibt er erneut, Odysseus „monte à la ville“, und bezeichnet Scheria schließlich als „la ville à laquelle il faut monter“, als die „Stadt, zu der man hinaufsteigen muss“, ja sogar als „ville haute“, als Oberstadt.

Ein Blick auf den griechischen Text zeigt jedoch einen interessanten Unterschied. Nausikaa sagt zu Odysseus:

ὄρσεο δὴ νῦν, ξεῖνε, πόλινδ᾽ ἴμεν
„Fremdling, mache dich auf, in die Stadt zu gehen!“
(Odyssee VI, 255)

Das entscheidende Verb ἴμεν bedeutet zunächst schlicht „gehen“. Es enthält nicht die Bedeutung „hinaufsteigen“. Auch in der anschließenden Beschreibung wird zwar von der hohen Stadtmauer, den Häfen, der schmalen Einfahrt und der Agora gesprochen, aber nicht von einer auf einem Berg oder Felsen gelegenen Oberstadt.

Champault entwickelt daraus dennoch eine sehr konkrete Topographie: Unten liegen die Häfen und der Isthmus, darüber erhebt sich die Stadt auf dem Nerone. Den Zugang beschreibt er als einen schmalen, befahrbaren Weg, der den Felsen hinaufführt.

Besonders deutlich wird seine Argumentation an anderer Stelle. Er schreibt:

„Perchée sur son Negrone, la ville phéacienne était bien ‚la ville à laquelle il faut monter‘, la ville haute du texte.“

Die phäakische Stadt sitzt also bei ihm geradezu auf dem Nerone, und das von ihm eingeführte „Hinaufsteigen“ dient als Bestätigung dieser Topographie.

Noch einen Schritt weiter geht Champault, wenn er den Weg des Odysseus konkret beschreibt:

„Lorsque Ulysse, après avoir franchi l’isthme à la hâte, monte à la ville …“

Odysseus habe demnach zunächst den Isthmus überquert und steige anschließend zur Stadt hinauf.

Damit wird aus „zur Stadt gehen“ bei Champault „zur Stadt hinaufsteigen“ – und aus diesem „Hinauf“ schließlich die „Oberstadt“ auf dem Nerone.

Für seine Lokalisierung des Castello Aragonese ist diese Vorstellung von erheblicher Bedeutung. Denn nur wenn die homerische Stadt als erhöht gelegene Stadt verstanden wird, fügt sich die von Champault rekonstruierte Landschaft mit Isthmus, Hafen, Felsen und darüberliegender Stadt so überzeugend in das Gelände des Castello ein.

Die Frage ist deshalb nicht nur, was Homer beschreibt, sondern auch, an welcher Stelle Champault aus der Beschreibung eine konkrete Topographie macht.

 

Zwei Häfen – ein mögliches topographisches Indiz

Homer nennt für Scheria zwei Häfen. Ein archäologischer Nachweis für zwei Hafenbecken in Sybaris fehlt bislang. Doch die besondere Lage der Stadt im Mündungsgebiet von Cratis und Sybaris macht geschützte Binnenhäfen beziehungsweise mehrere Anlegestellen durchaus vorstellbar

Die antike Stadt Sybaris lag im Mündungsgebiet zweier Flüsse, des Cratis und des Sybaris. Diese besondere Lage zwischen zwei Wasserläufen macht es zumindest topographisch gut vorstellbar, dass die Stadt über mehr als einen geschützten Anlegeplatz oder Binnenhafen verfügte.

Damit ist Homers Beschreibung nicht bewiesen – aber sie steht auch nicht im Widerspruch zur natürlichen Situation von Sybaris. Im Gegenteil: Die Lage zwischen zwei Flüssen eröffnet eine plausible Erklärung dafür, wie zwei geschützte Hafenbereiche innerhalb oder unmittelbar an der Stadt denkbar gewesen sein könnten.

 

Scheria – Insel oder Land?

Homer bezeichnet Scheria an keiner Stelle ausdrücklich als Insel. Vielmehr beschreibt er sie wiederholt als ein Land mit einer Stadt und landwirtschaftlichem Umland.

Bei der Gründung Scherias lässt Nausithoos nicht nur Häuser und Tempel errichten, sondern teilt dem Volk die Äcker zu (6. Gesang, V. 7–10).

Noch konkreter wird die Beschreibung, als Nausikaa Odysseus zur Stadt führt. Sie kündigt ihm an, dass sie zunächst durch „Land und die bebauten Felder“ kommen werden, bevor sie die ummauerte Stadt erreichen (6. Gesang, V. 259–260).

Auch Odysseus' Ankunft passt zu diesem Bild: Nach dem Schiffbruch erreicht er eine Flussmündung und setzt seinen Weg von dort zu Fuß zur Stadt der Phäaken fort.

Damit ergibt sich aus Homers eigener Beschreibung eine klare topographische Abfolge:

Flussmündung – landwirtschaftliches Umland – Stadt.

Eine Insel ist damit keineswegs ausgeschlossen. Aber Homer verlangt sie auch nicht. Für die Suche nach Scheria ist deshalb zunächst die Frage entscheidend, welcher Ort diese konkrete Kombination aus Flussmündung, fruchtbarem Land und Stadt erfüllt.

Und genau hier wird Sybaris interessant.

 

Ein kleines Wort mit großer Bedeutung

Eine letzte, bemerkenswerte Einzelheit findet sich bereits im 5. Gesang. Als Hermes die Zukunft des Odysseus ankündigt, heißt es:

„Komm' er am zwanzigsten Tage zu Scherias fruchtbaren Auen,
in das glückliche Land der götternahen Phäaken!“
(Odyssee 5, V. 34–35)

Im griechischen Original steht hier γαῖα (gaia) – „Land“.

Nur zwei Verse später spricht Homer von Odysseus' Heimat Ithaka:

„Und ihn senden im Schiffe zur lieben heimischen Insel“
(Odyssee 5, V. 37)

Hier verwendet Homer ausdrücklich das griechische Wort νῆσος (nēsos) – „Insel“.

Land – γαῖα. Insel – νῆσος.

Natürlich beweist diese Wortwahl allein noch nicht, dass Scheria keine Insel gewesen sein kann. Aber sie ist ein bemerkenswertes sprachliches Indiz: Wenn Homer im selben Zusammenhang zwischen dem „Land der Phäaken“ und der „heimischen Insel“ unterscheidet, sollte man diese Unterscheidung bei einer geografischen Rekonstruktion ernst nehmen.

 

Sybaris an einer alten Handelsroute

Bei meiner Suche nach Scheria stieß ich auf eine weitere bemerkenswerte Parallele. Don Pietro Monti aus Lacco Ameno beschreibt in seinem Buch Ischia – Führer durch die antike Geschichte der Insel einen alten Handelsweg, der das Ionische mit dem Tyrrhenischen Meer verband.

Die Schiffe steuerten dabei Sibari am Golf von Tarent an. Dort wurde die Ware ausgeladen und über eine etwa 50 Kilometer lange Landstraße zu einem tyrrhenischen Hafen transportiert. Von dort ging die Reise wieder auf dem Seeweg weiter, über Elea und Poseidonia.

Monti nennt dafür mehrere Gründe: Der lange Seeweg war durch Stürme, Piraten und die in Reggio erhobenen Abgaben belastet. Der kombinierte Land-Seeweg bot dagegen weniger Risiken und geringere Kosten und verkürzte zugleich die Strecke und die Reisezeit.

Damit erscheint Sybaris als wichtiger Umschlagplatz zwischen zwei Meeren – genau in jener Landschaft, in der ich Homers Scheria suche.

Monti fügte seinem Text eine Karte mit dem Titel „Die Seewege des Handels“ bei. Sie macht diesen Zusammenhang besonders anschaulich.

 

Noch problematischer ist Homers Beschreibung von Ogygia. Calypso ist die Tochter des Atlas und lebt...

 

Auf der umflossenen Insel, der Mitte des wogenden Meeres

Eine Göttin bewohnt das waldumschattete Eiland,

Atlas' Tochter, des Allerforschenden, welcher des Meeres

Dunkle Tiefen kennt, und selbst die ragenden Säulen

Aufhebt, welche die Erde vom hohen Himmel sondern.

Odyssee 1, 50-54

 

Champault identifiziert Gibraltar mit Homers Ogygia.

Ogygia ist bei Homer jedoch eindeutig eine Insel.

 

Gibraltar dagegen ist eine Landspitze des europäischen Festlandes und keine Insel. Die Gleichsetzung von Ogygia mit Gibraltar beruht daher nicht auf einer direkten Aussage Homers, sondern auf einer späteren geografischen Tradition.

Noch schwieriger wird Champaults Rekonstruktion bei der anschließenden Floßfahrt nach Scheria. 

Homer berichtet, dass Odysseus am 18. Tag die Berge des Phäakenlandes erblickt (Od. 5,278–281).

Eine Reise von Gibraltar bis nach Ischia lässt sich mit den angenommenen Geschwindigkeiten eines solchen Floßes nur schwer mit dieser Zeitangabe vereinbaren.

Die Fahrzeiten sprechen daher eher gegen als für Champaults Lokalisierung.

 

Der ereignisreichste Tag – Champaults Route auf dem Prüfstand

Einen Trumpf gegen Champault habe ich noch: den ereignisreichsten Tag der Odyssee.

Ich habe diesen Tag ausführlich untersucht und festgestellt, dass sich alle fünf Stationen in der von Homer beschriebenen Zeit von einem einzigen Tag nachvollziehbar miteinander verbinden lassen:

Aia – Windstille – Sireneninsel – Fumarole - Skylla/Charybdis – Thrinakia.

 

Wie sieht Champault diesen Tag?

Betrachten wir seine fünf Stationen:

Aia:
Champault setzt Aia mit der winzigen Insel Pianosa gleich – ohne Berg, ohne Bach und ohne jede Entsprechung zu den Besonderheiten, die Homer von Aia berichtet.

Windstille:
Ein entsprechender Punkt ist in seiner Rekonstruktion nicht erkennbar.

Sireneninsel:
Champault lokalisiert sie bei der Insel Licosa.

Fumarole:
Auch für die von Homer beschriebene Fumarole findet sich in dieser Rekonstruktion keine entsprechende Station.

Skylla und Charybdis:
Hier folgt Champault der traditionellen Vorstellung und setzt die Begegnung in die Straße von Messina.

Thrinakia:
Champault identifiziert Thrinakia mit Sizilien. Obwohl Homer bei der tatsächlichen Fahrt die Insel Stromboli nicht mehr erwähnt, führt Champault Stromboli als Zwischenpunkt seiner Route.

Soweit seine Rekonstruktion.

 

Trägt man diese Positionen auf der Landkarte ein, ergibt sich für diesen einen Tag eine Strecke von rund 750 Kilometern Luftlinie – und das überwiegend rudernd, wie die Situation des Odysseus es nach Champaults eigener Rekonstruktion verlangt.

Und jetzt wird es interessant.

Champault selbst ist aufgefallen, dass diese Strecke nicht an einem Tag zurückgelegt werden kann.

Doch welche Schlussfolgerung zieht er daraus?

Er korrigiert nicht seine eigene Rekonstruktion. Stattdessen stellt er fest, dass Homer hier offenbar Zeitangaben vergessen habe.

Auf Seite 599 schreibt Champault im Zusammenhang mit Chapitre III – La route vers la Grèce et l’Orient:

„Pourquoi les distances et les orientations font ici absolument défaut?“

Warum fehlen hier also Entfernungen und Richtungsangaben völlig?

Damit liegt die Ursache für die Diskrepanz nach Champaults eigener Argumentation nicht in seiner Rekonstruktion, sondern im homerischen Text.

 

Bei meiner Rekonstruktion liegen dieselben fünf Stationen dagegen innerhalb eines Tages in einer Entfernung von nur etwa 30–35 Kilometern.

 

Weitere Widersprüche:

Mehrere Einzelheiten der Scheria-Beschreibung passen nur schwer zu Ischia und zum Castello Aragonese:

Der Fluss:
Odysseus gelangt an der Mündung eines Flusses an Land. Ischia besitzt zwar Wasserläufe, aber keinen Fluss von der Größenordnung, die Homers Beschreibung nahelegt.

Die Entfernung zum Waschplatz:
Nausikaa fährt früh am Morgen mit ihren Mägden zum Waschen und kehrt erst am Abend zurück. Die von Champault angenommene Entfernung vom Castello Aragonese bis Casamicciola ist dafür sehr gering.

Die Agora:
Homer erwähnt einen öffentlichen Versammlungsplatz, die Agora. Ein solcher Platz gehört zum Bild der phäakischen Stadt. Für das Castello Aragonese lässt sich daraus kein entsprechendes Merkmal ableiten.

Die zwölf Fürsten:
Homer spricht von zwölf ehrwürdigen Fürsten der Phäaken. Das passt zu einer politisch und wirtschaftlich bedeutenden Stadtgesellschaft eher als zu einer kleinen Inselgemeinschaft.

Die Phönizier:
Champault verbindet die Phäaken mit den Phöniziern. Für eine entsprechende phönizische Besiedlung Ischias fehlt jedoch der archäologische Nachweis.

 

Fazit

Champaults Identifikation von Ischia mit Scheria beruht vor allem auf einer geografischen Rekonstruktion, die mehrere homerische Angaben sehr weit auslegen muss.

Homer beschreibt Scheria als Land der Phäaken, mit einer befestigten Stadt, öffentlichen Versammlungsplätzen, mehreren Hafenbereichen, einem Isthmus und einer ausgedehnten Landschaft.

Dieses Bild passt nach meiner Analyse nicht überzeugend zum Castello Aragonese und seiner Umgebung.

 

Bleibt die Frage: Muss Ischia nun traurig sein, wenn es nicht mehr Homers gastfreundliches Scheria ist?

Eigentlich nicht.

Denn Scheria ist bei Homer keineswegs das Musterbild einer offenen und fremdenfreundlichen Insel.

 

Als Nausikaa Odysseus den Weg zur Stadt erklärt, warnt sie ihn:

 

„Denn die Leute sind hier den Fremden nicht allzu gewogen,
und bewirten sie nicht sehr freundlich …“
Od. 7,31–34

 

Und als Odysseus schließlich den Palast des Alkinoos erreicht, gelangt er nur deshalb unbemerkt hinein, weil Athene ihn in Nebel hüllt:

 

„Rings in Nebel gehüllt, den ihm Athene umgossen …“
Od. 7,139–141

 

Von uneingeschränkter Gastfreundschaft kann hier kaum die Rede sein.

Das steht in einem bemerkenswerten Gegensatz zu dem Ischia, das ich seit Jahren selbst erlebe.

Auf Homers Aia – meinem Ischia – erfahre ich immer wieder eine herzliche und selbstverständliche Gastfreundschaft, und das ganz ohne Athenes schützenden Mantel.

 

Und ist es nicht ein schöner Gedanke, dass Odysseus auf dieser Insel gleichsam einen einjährigen „Wellnessaufenthalt“ verbrachte – vielleicht die schönste Zeit seiner zwanzigjährigen Irrfahrt fern von Ithaka?

Homer beschreibt eine Stadt von einer Stadtmauer "umringt".


Wie könte man auf der Nordseite des Castellos Aragonese eine Stadtmauer erstellen?

 

Odyssee 6, 263
 

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