Elpenor und der Nestorbecher von Ischia

Eine Hypothese – kein archäologischer Nachweis
Die folgende Überlegung verbindet literarische und archäologische Indizien. Sie ist ausdrücklich als Arbeitshypothese zu verstehen.

 

Der Leser mag sich fragen: Welche Gemeinsamkeiten gibt es zwischen Homers Elpenor und dem Nestorbecher von Ischia?

Ich vermute, dass zwischen dem tragischen Tod Elpenors und diesem berühmten Becher ein Zusammenhang bestehen könnte.

Die Episode um Elpenor ist innerhalb der Odyssee ungewöhnlich. Sie spielt auf Homers Insel Aia, ist in sich weitgehend abgeschlossen und steht nicht unmittelbar mit den großen Abenteuern der Irrfahrt in Verbindung. Es geht weder um Scylla, Charybdis oder Polyphem noch um die Rückkehr nach Ithaka. Odysseus ist am Unfall selbst nicht beteiligt.

Das wirft eine interessante Frage auf:

Hat Homer hier vielleicht eine überlieferte Begebenheit aufgegriffen und in sein Epos eingebaut? 

Die Elpenor-Episode – eine spätere Ergänzung?

Die ungewöhnliche Stellung der Elpenor-Geschichte in der Odyssee ist nicht nur mir aufgefallen. Bereits die ältere Homerforschung hat versucht, einzelne Passagen des Epos unterschiedlichen Bearbeitern zuzuordnen.

Besonders interessant ist dabei Wolfgang Schadewaldt. In seiner Analyse der Odyssee ordnete er bestimmte Textabschnitte einem sogenannten „B“-Dichter zu, den er von dem eigentlichen Homerischen Dichter unterschied.

Für die Elpenor-Geschichte betrifft dies drei zusammengehörige Passagen:

  • 10,542–574: Elpenors Todessturz vom Dach des Hauses der Kirke
  • 11,51–83: Elpenors Erscheinen im Hades und seine Bitte um ein würdiges Begräbnis
  • 12,3–37: die Rückkehr zu Kirke und Elpenors Bestattung

Gerade diese Aufteilung ist bemerkenswert. Die drei Passagen stehen jeweils am Anfang oder am Ende eines Gesanges.

Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Elpenor-Episode nachträglich in einen bereits bestehenden Erzählzusammenhang eingefügt wurde.

Eine solche Ergänzung musste nicht unbedingt innerhalb eines bestehenden Textabschnitts vorgenommen werden. Wenn ein Epos bereits überliefert und in Gesänge gegliedert war, dürfte es wesentlich einfacher gewesen sein, eine neue Episode anzuhängen oder vor einen bestehenden Abschnitt zu setzen, als den vorhandenen Text an einer beliebigen Stelle aufzubrechen.

Damit erhält die Elpenor-Geschichte eine zusätzliche Besonderheit:

Sie könnte nicht nur inhaltlich eine eigenständige Episode sein, sondern möglicherweise auch literarisch ein später eingefügter Erzählbaustein.

Das würde zu meiner Hypothese passen.

Denn wenn hinter Elpenors Geschichte tatsächlich eine ältere, auf Pithekoussai überlieferte Begebenheit stehen sollte, wäre denkbar, dass diese Überlieferung erst später in die Odyssee aufgenommen wurde.

Damit wäre die Frage nicht mehr nur:

Hat Homer eine reale Begebenheit verarbeitet?

Sondern auch:

Wann und durch wen gelangte diese Geschichte in die Odyssee?

 

Der mögliche historische Kern

Nach Homer stürzt Elpenor nach zuviel Weingenuss vom Dach des Hauses der Kirke und bricht sich das Genick. Die ungewöhnlich anschauliche Beschreibung des Ortes – ein markantes Gebäude am Berg, mit weiter Aussicht und einer erhöhten Dachterrasse – lässt zumindest die Möglichkeit zu, dass Homer dabei einen realen, weithin sichtbaren Ort vor Augen hatte.

Hier beginnt meine Hypothese.

Vielleicht hat sich auf Pithekoussai tatsächlich eine ähnliche Tragödie ereignet.

Man könnte sich folgendes Szenario vorstellen:

Ein etwa zwölf- bis vierzehnjähriger Junge aus einer wohlhabenden griechischen Familie nimmt den kostbaren Becher des Hausherrn, füllt ihn mit Wein und trinkt daraus. Nach erheblichem Alkoholkonsum verliert er möglicherweise die Kontrolle, stürzt von einer Dachterrasse und kommt dabei ums Leben.

Beim Sturz könnte der Becher zerbrochen sein.

Es handelt sich dabei nicht um einen archäologisch nachgewiesenen Ablauf, sondern um eine Rekonstruktion, die sich aus mehreren auffälligen Übereinstimmungen ergibt.

Der Tote wurde verbrannt. Seine Asche und Knochenreste gelangten zusammen mit den Bruchstücken eines besonderen Bechers in ein Grab bei der Bucht von San Montano.

Rund 2.600 Jahre später entdeckte Giorgio Buchner dieses Grab – Grab 168 – und setzte die erhaltenen Fragmente wieder zusammen.

Der Nestorbecher war gefunden.

Buchners Befund – und meine Zweifel

Besonders interessant ist nicht nur der Becher selbst, sondern seine Inschrift. Bereits in der ersten Zeile fehlen Buchstaben, sodass eine eindeutige Rekonstruktion nicht möglich ist.

Buchner ging davon aus, dass der Becher im Zusammenhang mit einer Zeremonie am Grab zertrümmert worden sein könnte – ein Vorgang, der auch bei anderen Gräbern der Nekropole beobachtet wurde.

Doch genau hier habe ich Zweifel.

Beim Nestorbecher fehlen zahlreiche Bruchstücke. Das wirft für mich die Frage auf, ob der Becher tatsächlich erst am Grab zerbrochen wurde.

Oder zerbrach er bereits an einem anderen Ort – vielleicht beim Unfall selbst?

Diese Überlegung lässt sich nicht beweisen. Sie bietet aber eine mögliche Erklärung dafür, warum nur ein Teil des Gefäßes in das Grab gelangte.

Der Becher gehörte offenbar zu einer wohlhabenden und kulturell mit der griechischen Welt verbundenen Familie. Ein solches Umfeld passt eher zu einem repräsentativen Gebäude als zu einer einfachen Behausung.

Und damit wird ein bestimmter Ort interessant:

das von mir mit Kirkes Palast identifizierte Gebäude im Ort Fango.

 

Von der Realität zur Dichtung

Hier wird die Hypothese besonders gewagt.

Ich vermute, dass der Junge aus dem Nestorbechergrab in diesem Haus gelebt haben könnte und dort zu Tode kam.

Homer hätte dann möglicherweise nicht den Becher gekannt, sondern die Geschichte, die mit ihm verbunden war.

Zwischen dem angenommenen Unglück und der Entstehung der Odyssee lagen mehrere Generationen. Der konkrete Anlass konnte längst vergessen sein, während die Geschichte selbst weitergegeben wurde.

Aus einem realen Jungen konnte in der dichterischen Überlieferung Elpenor werden – der jüngste und unerfahrenste Mann des Odysseus.

Auch weitere Einzelheiten sind bemerkenswert:

Elpenor stirbt durch einen Sturz aus der Höhe.
Der Tote wird verbrannt.
Sein Grab liegt am Meer, nahe dem Landungsplatz.
Und im Grab des Nestorbechers finden sich die Überreste eines verbrannten Toten, zusammen mit den Bruchstücken eines Gefäßes.

Sind das nur Zufälle – oder haben wir hier tatsächlich einen sehr entfernten Nachhall eines historischen Ereignisses?

Das lässt sich heute nicht entscheiden.

Die Chronologie

Der Nestorbecher wird etwa in das 8. Jahrhundert v. Chr. datiert. Nach meiner chronologischen Rekonstruktion könnte Homer ungefähr zwischen 690 und 610 v. Chr. gelebt haben. Eine Entstehung der Odyssee um etwa 650 v. Chr. würde bedeuten, dass zwischen dem möglichen Unglück und Homers Dichtung ungefähr sieben Jahrzehnte lagen.

Das wäre eine Zeitspanne, in der eine außergewöhnliche Geschichte durchaus noch mündlich weitergegeben worden sein könnte.

Archäologisches Potenzial

Sollte diese Hypothese eines Tages durch weitere Funde gestützt werden, wären die Konsequenzen bemerkenswert.

Nicht der Nestorbecher selbst müsste dann einen direkten Bezug zu Homer haben.

Homer könnte vielmehr eine Geschichte verarbeitet haben, die mit dem Becher und seinem Besitzer verbunden war.

Und damit ergeben sich auch archäologische Fragen:

  • Könnten sich im Umfeld des angenommenen Palastes noch fehlende Fragmente des Bechers befinden?
  • Gibt es dort Keramik mit vergleichbaren Beschriftungen?
  • Lassen sich archäologische Hinweise auf eine wohlhabende griechische Familie finden?
  • Und könnten menschliche Überreste aus dem Grab und mögliche biologische Spuren am Fundort eines Tages überhaupt einen Vergleich ermöglichen?

Noch ist das alles Hypothese.

Aber gerade darin liegt für mich der Reiz:

„Vielleicht erzählt der Nestorbecher nicht von Homer – sondern Homer erzählt die Geschichte, die hinter dem Nestorbecher steht.

 

„Quattro limoni“ – vier Zitronen, die keine vier waren.           Ischia, 14. Mai 2007

Neue Erkenntnisse zu den Knochen im Nestorbechergrab

Eine wichtige neue Perspektive eröffnet eine Untersuchung der Knochen aus Grab 168 durch Melania Gigante und ein internationales Forscherteam.

Die frühere Untersuchung hatte die verbrannten Knochen einem Jugendlichen im Alter von etwa 10 bis 14 Jahren zugeschrieben. Die Neubearbeitung von 2021 kommt dagegen zu einem grundlegend anderen Ergebnis: Die Knochen sind vermischt und stammen von mehreren menschlichen Individuen unterschiedlichen Alters. Hinzu kommen Tierknochen. Einen 10- bis 14-jährigen Jugendlichen konnten die Forscher nicht bestätigen.

Für meine Hypothese ist diese Korrektur bemerkenswert.

Denn wenn sich im Grab tatsächlich die Überreste mehrerer Menschen befinden, kann die frühere Vorstellung vom „Grab eines Kindes“ nicht mehr als Grundlage für die Interpretation dienen. Der Befund lässt vielmehr auch einen jungen Erwachsenen als eine der beteiligten Personen zu.

Und genau hier ergibt sich eine überraschende Verbindung zu meiner Elpenor-Hypothese.

Homer bezeichnet Elpenor als den jüngsten seiner Gefährten. Er ist unerfahren, trinkt zu viel und kommt durch einen Sturz vom Dach des Hauses der Kirke ums Leben.

Odysseus hatte jedoch keine Kinder in seiner Mannschaft.

Homer brauchte also keinen wirklichen Jugendlichen. Er brauchte für seine Erzählung lediglich einen „Jüngsten“.

Vielleicht wurde aus einer überlieferten Geschichte über den Tod eines jungen Mannes auf Pithekoussai in der dichterischen Gestaltung der Elpenor – der jüngste und unerfahrenste Gefährte des Odysseus.

Damit fällt ein scheinbares Problem meiner bisherigen Hypothese weg: Das Grab muss nicht die Überreste eines vierzehnjährigen Jungen enthalten haben. Ein junger Mann würde wesentlich besser zu dem Bild passen, das Homer von Elpenor zeichnet.

Natürlich beweist auch der neue anthropologische Befund keinen Zusammenhang mit Homer. Aber er verändert die Ausgangslage erheblich:

Die Knochen widersprechen der Elpenor-Hypothese nicht mehr aufgrund eines zu jungen Alters. Sie lassen ein Szenario zu, das mit Homers Elpenor deutlich besser vereinbar ist.

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