Wie ich Homers Ortsangaben lese
Wie sind die geografischen Angaben in Homers „Odyssee” zu beurteilen? Mit dieser Frage habe ich mich während meiner Arbeit immer wieder beschäftigt.
Dabei musste ich gewissermaßen mich selbst befragen. Eine fertige Methode hatte ich zunächst nicht. Sie entstand erst nach und nach aus der Lektüre des Epos.
Dabei half mir etwas, das auch mit meinem früheren Berufsleben zu tun hat: logisches Denken.
Schon in der Antike wurde darüber gestritten, ob sich die Irrfahrten des Odysseus geografisch bestimmen lassen.
Der Geograph Eratosthenes machte sich über die frühen Lokalisierungsversuche lustig. Sinngemäß meinte er: „Man werde den Ort der Irrfahrten wohl erst finden, wenn man den Schuster entdeckt habe, der den Windsack des Aiolos zugenäht habe.”
Strabon widersprach dieser Schlussfolgerung. Nur weil der Windsack offensichtlich in den Bereich der Dichtung gehöre, könne man nicht die gesamte Odyssee als geografisch ortlos betrachten.
Genau diese Auffassung teile ich mit Strabon.
Phantasie und Realität schließen sich nicht aus.
Homer erzählt Geschichten, die eindeutig dem Bereich der Mythen zuzuordnen sind. Ein gutes Beispiel dafür ist der Windsack des Aiolos.
Daraus folgt jedoch nicht, dass alle Ortsbeschreibungen frei erfunden oder geografisch bedeutungslos sein müssen.
Beim Lesen ist mir vielmehr immer wieder aufgefallen, mit welcher Selbstverständlichkeit Homer innerhalb seiner Erzählung logische Zusammenhänge herstellt.
Ein einfaches Beispiel ist der Windschatten einer Insel. Wer sich auf der windabgewandten Seite einer Insel befindet, erlebt nicht nur weniger Wind, sondern auch einen geringeren Wellengang. Homer schildert solche Zusammenhänge nicht als wissenschaftliche Theorie. Sie gehören für ihn einfach zur Wirklichkeit seiner Geschichte.
Auch ein Zyklop lebt nach den Regeln der Natur.
Noch deutlicher wird diese Art des Denkens in einer völlig phantastischen Episode, nämlich bei Polyphem.
Bevor Odysseus den Zyklopen blendet, wird der Pfahl zugespitzt und anschließend im Feuer gehärtet.
(Odyssee 9, 326–328).
Warum erwähnt Homer diesen Arbeitsschritt?
Für das Ausstechen eines Auges reicht eine zugespitzte Holzstange völlig aus. Ein zusätzliches Härten des Holzes ist dafür nicht erforderlich. Deshalb stellt sich die Frage, welchen anderen Zweck das Feuer gehabt haben könnte.
Eine naheliegende Erklärung ist für mich folgende: Der Pfahl wurde im Feuer erhitzt, um ihn vor dem Einsatz zu reinigen bzw. zu desinfizieren. Schließlich sollte er in ein äußerst empfindliches Organ gestoßen werden. Eine mögliche Infektion hätte für Polyphem tödlich enden können. Ein an einer schweren Blutvergiftung erkrankter Polyphem wäre jedenfalls kaum noch in der Lage gewesen, den gewaltigen Fels vor dem Höhleneingang beiseitezuschieben.
Ob Homer diesen Vorgang tatsächlich im heutigen medizinischen Sinn als „Desinfektion“ verstanden hat, lässt sich natürlich nicht beweisen. Auffällig bleibt jedoch, dass dieser Vorgang innerhalb der Handlung einen sinnvollen Zweck erfüllt.
Auch in einer phantastischen Geschichte denkt Homer somit in Ursache und Wirkung. Und genau diese Art der inneren Logik ist es, auf die ich bei der geografischen Rekonstruktion der Odyssee besonders achte.
Ein einzelnes Wort kann geografisch von entscheidender Bedeutung sein.
Dasselbe gilt für geografische Angaben.
So beschreibt Homer bei Skylla und Charybdis den Abstand der beiden Felsen nicht mit einer abstrakten Maßeinheit, sondern mit einem Bild aus dem Alltag seiner Zuhörer: Der eine Felsen liegt dem anderen so nahe, dass ihn der Bogen erreichen kann.
(Odyssee 12, 101–102).
Diese unscheinbare Angabe darf meiner Ansicht nach nicht einfach beiseitegeschoben werden. Ein solcher Abstand kann keine mehrere Kilometer breite Meerenge sein.
Gerade hier zeigt sich mein Grundprinzip:
Ich nehme Homer beim Wort, aber nicht blind.
Ich untersuche, ob seine Angaben untereinander logisch zusammenpassen.
Kleine Hinweise dürfen nicht überlesen werden.
Bei meiner Rekonstruktion habe ich deshalb gelernt, besonders auf die scheinbar nebensächlichen Angaben zu achten: die Windrichtung, ein Fluss, die Lage eines Felsens, die Sichtweite, eine Strömung oder ein einziges Wort über die Beschaffenheit einer Küste.
Solche Details können wichtiger sein als ein großer, vermeintlich eindeutiger Ortsname.
Denn in seinem „Reiseroman“ nennt Homer nur selten reale geografische Namen. Die Schauplätze tragen meist poetische Namen. Die Landschaft selbst liefert deshalb oft die besseren Hinweise als der Name.
Und noch etwas ist mir dabei wichtig geworden: Diese Methode gilt nicht für alle Phasen des Epos gleichermaßen. Ab Aia beginnt Homer, die Landschaft und die Abfolge der Ereignisse so konkret zu schildern, dass eine geografische Rekonstruktion überhaupt erst sinnvoll wird.
Deshalb beginne ich meine eigentliche Suche nicht in Troja und auch nicht am Kap Malea, sondern auf Aia, die ich mit Ischia identifiziere.
Kleine, unscheinbare Angaben dürfen nicht überlesen werden. Gerade in ihnen können die Spuren verborgen sein, die uns Homers Landschaft erschließen.
