Das Land Scheria der Phäaken

Zwischen beiden Küsten liegt ein Landweg von ungefähr 50 Kilometern. Für einen völlig erschöpften Fremden, der weder die Gegend kennt noch weiß, wo sich die Stadt befindet, stellt sich damit ein neues Problem:

Wie soll Odysseus den Weg ins Zentrum der Phaiaken finden?

Doch dieser Landübergang war keineswegs unbekannt. Er gehörte zu einem griechischen Handelsweg, der die lange und gefährliche Umrundung des italienischen „Stiefels“ vermied. Statt die Straße von Messina zu durchfahren und anschließend die kalabrische Küste entlangzufahren, wurden Waren an der tyrrhenischen Küste ausgeladen, auf dem Landweg über den Isthmus transportiert und an der ionischen Küste wieder auf Schiffe verladen.

Don Pietro Monti aus Lacco Ameno hat diesen Verkehrsweg beschrieben und darauf hingewiesen, dass er die Seestrecke erheblich verkürzte und zugleich die Gefahren der langen Küstenfahrt und der Durchfahrt durch die Straße von Messina vermied.

Damit wird der Landübergang zwischen Lao und Sybaris zu einem wichtigen Bestandteil meiner Rekonstruktion: Odysseus folgt hier keinem erfundenen Weg, sondern bewegt sich auf einer Verkehrsverbindung, die schon für die Griechen von wirtschaftlicher Bedeutung war. Der Landweg ersparte gegenüber der vollständigen Umrundung Süditaliens ungefähr 400 Kilometer Seefahrt.

Und genau hier löst Homer sein nächstes erzählerisches Problem mit einem genialen Kunstgriff: Der Schiffbrüchige kennt diesen Weg natürlich nicht. Deshalb begegnet ihm Nausikaa – die Königstochter der Phaiaken.

 

Nausikaa – die Lotsin nach Scheria

Am Fluss begegnet Odysseus Nausikaa und ihren Dienerinnen. Die Königstochter erkennt seine Not und übernimmt nun eine entscheidende Funktion: Sie führt den Fremden auf dem Weg in die Stadt der Phaiaken.

Nausikaa sagt ihm ausdrücklich, er solle ihr und ihren Mägden folgen, solange der Weg durch Felder und Saaten führt. Die Dienerinnen begleiten den Wagen, während Odysseus zu Fuß folgt.

(Odyssee 6, 255–263)

Damit lässt Homer den Landübergang nicht irgendwo im Ungewissen enden. Nausikaa kennt den Weg und bringt Odysseus bis in das unmittelbare Umfeld der Stadt.

Besonders aufschlussreich ist ihre Beschreibung dessen, was ihn dort erwartet: eine von einer hohen Mauer umgebene Stadt, zwei Häfen, eine schmale Hafeneinfahrt mit den dort liegenden Schiffen, ein Markt beim Tempel des Poseidon und Plätze, an denen Masten, Ruder, Segel und Seile für die Schiffe gefertigt werden.

(Odyssee 6, 263–271)

Damit liefert Homer eine erstaunlich konkrete Beschreibung einer Seefahrerstadt.

Erst als sie die Stadt erreichen, trennen sich ihre Wege. Nausikaa möchte vermeiden, dass die Phaiaken über sie und den fremden Mann reden. Deshalb weist sie Odysseus an, zunächst in einem der heiligen Haine zu warten und später allein in die Stadt zu gehen und nach dem Palast ihres Vaters Alkinoos zu fragen.

(Odyssee 6, 272–299)

So löst Homer das geografische Problem elegant: Odysseus landet auf der tyrrhenischen Seite des phaiakischen Landes – und Nausikaa führt ihn auf dem bestehenden Landweg zur ionischen Seite bis unmittelbar vor die Stadt.

Sie ist damit tatsächlich seine Lotsin an Land – nicht auf dem gesamten Weg nach Sybaris, aber auf der entscheidenden Strecke vom Anlandeplatz bis zum Zentrum des phaiakischen Landes.

Das Land Scheria der Phäaken

Die Stadt der Phaiaken

Nun erreicht Odysseus das Zentrum des Landes der Phaiaken. Doch bevor wir die Beschreibung der Stadt mit Sybaris vergleichen, lohnt sich ein Blick auf das, was Homer selbst über Scheria berichtet.

Homer beschreibt eine ummauerte Stadt mit Häusern, Heiligtümern und zugehörigen Äckern. Nausikaa führt Odysseus zunächst durch Felder und Saaten, bevor sie die Stadt erreichen. Scheria ist also nicht nur eine Stadt, sondern ein fruchtbares Land mit einer Stadt im Zentrum. (Odyssee 6, 7–12; 259–263) 

Innerhalb der Stadt nennt Homer mehrere bemerkenswerte Einzelheiten. Es gibt zwei Häfen, eine schmale Hafeneinfahrt, einen Markt beim Tempel des Poseidon und Einrichtungen, in denen Masten, Ruder, Segel und Seile für die Schiffe hergestellt werden. Die Phaiaken sind ein Volk, dessen Leben eng mit der Seefahrt verbunden ist. (Odyssee 6, 263–271)

Auch eine Agora, der öffentliche Versammlungsplatz, wird mehrfach erwähnt. (Odyssee 6, 265; 8, 5–16 und 110)

Scheria und Sybaris

Vergleicht man diese Beschreibung mit dem historischen Sybaris, ergeben sich mehrere auffällige Parallelen.

Sybaris lag in einer fruchtbaren Ebene zwischen Crati und Coscile und entwickelte sich zu einer außergewöhnlich reichen Handels- und Agrarstadt. Auch dort gab es einen zentralen öffentlichen Bereich, der sich mit Homers Agora vergleichen lässt.

Besonders interessant ist Homers Angabe von den zwei Häfen. Die flache und sandige Küste von Sybaris erscheint auf den ersten Blick für einen klassischen Meereshafen wenig geeignet. In griechischer Zeit mündete der Coscile, der antike Sybaris, noch eigenständig ins Ionische Meer. Zusammen mit dem Crati bot das Flusssystem Möglichkeiten für geschützte Anlande- und Hafenbereiche.

Ob Sybaris tatsächlich über zwei solche Hafenanlagen verfügte, ist allerdings archäologisch nicht gesichert. Gerade deshalb sollte Homers Angabe nicht als Beweis dargestellt werden. Interessant bleibt sie dennoch als geografische Parallele.

Noch stärker ist ein anderer Hinweis: Homer beschreibt die Phaiaken als außergewöhnlich reich und gesellschaftlich differenziert. Alkinoos spricht von zwölf ehrwürdigen Fürsten, die ihm unterstehen; jeder von ihnen schenkt Odysseus unter anderem ein Talent Gold. (Odyssee 8, 390–394)

Das passt auffällig zu Sybaris, dessen außergewöhnlicher Reichtum bereits in der antiken Überlieferung sprichwörtlich wurde. Der Begriff „Sybaritismus“ erinnert noch heute an Luxus, Genuss und Müßiggang. Auch Homers Phaiaken lieben Schmaus, Musik, Tanz, Schmuck, warme Bäder und Ruhe.

Damit ergibt sich ein immer dichteres Bild:

fruchtbares Land – eine ummauerte Stadt – Agora – Häfen bzw. Hafenmöglichkeiten – ausgeprägte Seefahrt – großer Reichtum – eine gesellschaftlich gegliederte Oberschicht und ein ausgeprägter Hang zu Genuss und Luxus.

Für mich sind das nicht mehr nur einzelne Ähnlichkeiten. Die Gesamtheit dieser Merkmale führt bei der Suche nach Homers Scheria immer wieder nach Sybaris.

 

Die ausführliche Gegenüberstellung von Scheria und Sybaris, die Quellen zu den Hafenfragen sowie weitere Parallelen finden Sie unter „Wissenswertes“.

 

 

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