Schiffbruch
Der Frevel an den heiligen Rindern des Sonnengottes Helios
Aber der Süd durchstürmte den ganzen Monat, und niemals
Hub sich ein anderer Wind, als der Ost und der herrschende Südwind.
Odyssee 12, 325–326
Homer lässt die Gefährten nicht nur einige Tage, sondern einen ganzen Monat auf Thrinakia festsitzen. Unablässig wehen Süd- und Ostwinde – ausgerechnet aus den Richtungen, die ihrer Heimfahrt entgegenstehen.
Als schließlich der Proviant schließlich aufgebraucht ist, versuchen die Männer zunächst, sich mit Fischen und Vögeln über Wasser zu halten. Doch der Hunger wird immer größer.
Während Odysseus die Insel durchwandert, um die Götter um Hilfe zu bitten, nutzt Eurylochos seine Abwesenheit. Er überredet die Gefährten, die heiligen Rinder des Helios zu schlachten. Der zuvor geleistete Eid ist vergessen.
Und sie trieben die besten der Sonnenrinder zum Opfer
Odyssee 12, 354
Die Folgen des Frevels
Die Männer missachten das Verbot und schlachten die Rinder. Als Odysseus zum Schiff zurückkehrt, riecht er bereits den Opferrauch. Die Rinder sind tot – das Schicksal der Männer ist besiegelt.
Homer schildert anschließend unheilvolle Zeichen: Die Häute der geschlachteten Tiere bewegen sich, und das Fleisch an den Spießen scheint zu brüllen. Sechs Tage lang feiern die Gefährten und verspeisen die erbeuteten Rinder.
Und sechs Tage schwelgten die unglückseligen Freunde
Von den besten Rindern des hohen Sonnenbeherrschers.
Als nun der siebente Tag von Zeus Kronion gesandt ward,
Siehe da legten sich schnell die reißenden Wirbel der Windsbraut;
Und wir stiegen ins Schiff, und steurten ins offene Weltmeer,
Odyssee 12, 397-401
Der Aufbruch
Am siebten Tag legt sich der Sturm. Die Gefährten gehen an Bord, setzen den Mast und spannen die Segel.
Kurz nach der Abfahrt verschwindet jede Küste aus ihrem Blickfeld. Homer formuliert es ausdrücklich: Ringsum sind nur noch Meer und Himmel zu sehen.
Als wir das grüne Gestade Thrinakias jetzo verlassen,
Und ringsum kein Land, nur Meer und Himmel zu sehn war;
Breitete Zeus Kronion ein dunkelblaues Gewölk aus
Odyssee 12, 403-405
Diese unscheinbare Bemerkung ist für die weitere Rekonstruktion von großer Bedeutung. Sie passt nicht zur traditionellen Lokalisierung des Schiffbruchs in der Straße von Messina, da das Schiff dort von Land auf beiden Seiten umgeben wäre.
Für die weitere Rekonstruktion bedeutet dies: Das Schiff befindet sich nun deutlich außerhalb der Sichtweite von Thrinakia, dem Festland und den umliegenden Inseln.
Der Schiffbruch
Noch am selben Tag zieht ein Unwetter auf. Zeus verdunkelt den Himmel, und plötzlich setzt ein heftiger Westwind ein.
Der Sturm zerbricht zunächst die Takelage. Der Mast stürzt um und erschlägt den Steuermann. Kurz darauf trifft ein Blitz das Schiff. Die Gefährten werden ins Meer geschleudert und ertrinken.
Odysseus bleibt allein zurück.
Steigend und sinkend die Flut; doch Gott nahm ihnen die Heimkehr.
Einsam durchwandelt' ich jetzo das Schiff; da trennte der Wogen
Sturz von den Seiten den Kiel, und trug die eroberten Trümmer;
Schmetterte dann auf den Kiel den Mastbaum nieder; an diesem
Hing noch das Segeltau, von Ochsenleder geflochten.
Eilend ergriff ich das Tau, und verband den Kiel und den Mastbaum;
Setzte mich drauf, und trieb durch den Sturm und die tobenden Fluten.
Odyssee 12, 419–425
Odysseus auf den Schiffstrümmern
Schließlich zerbricht auch der Schiffsrumpf. Kiel und Mastbaum werden von den Wellen auseinandergerissen. Odysseus verbindet die beiden Teile mit dem noch vorhandenen Tauwerk und baut sich daraus ein notdürftiges Floß.
Damit beginnt eine neue Phase seiner Irrfahrt: Er besitzt kein Schiff mehr und ist den Winden und Strömungen ausgeliefert.
Die nächtliche Drift
Mit dem Untergang des Schiffes verändert sich die Situation grundlegend. Odysseus besitzt kein steuerbares Schiff mehr. Er kann seinen Kurs nicht mehr selbst bestimmen, sondern ist auf dem notdürftig verbundenen Kiel und Mastbaum den Winden und der Strömung ausgeliefert.
Zunächst treibt ihn der Westwind. Doch dieser legt sich bald, und Homer berichtet:
Jetzo legten sich schnell die reißenden Wirbel des Westes;
Doch es erhub sich der Süd, der, mit neuen Schrecken gerüstet,
Odyssee 12, 426-427
Nun setzt wieder der Südwind ein. Odysseus treibt während der ganzen Nacht dahin. Am folgenden Morgen, mit dem Aufgang der Sonne, gelangt er erneut in den Bereich von Skylla und Charybdis.
Und ich trieb durch die ganze Nacht; da die Sonne nun aufging …
Odyssee 12, 429
Für die geografische Rekonstruktion ist dieser kurze Zeitraum von entscheidender Bedeutung. Odysseus befindet sich jetzt nicht mehr auf einem Schiff, mit dem er eine größere Strecke zurücklegen könnte. Er treibt lediglich eine Nacht lang auf den Resten seines Schiffes.
Nach meiner Rekonstruktion liegt der Ausgangspunkt dieser Drift etwa 80 bis 100 Kilometer südlich der Stelle entfernt, an der Odysseus auf der Hinfahrt erstmals Skylla und Charybdis passiert hatte.
Die nächtliche Drift kann diese Entfernung jedoch nicht überbrücken. Selbst wenn man eine beträchtliche Driftgeschwindigkeit annimmt, gelangt Odysseus innerhalb dieser einen Nacht nur ungefähr 10 Kilometer in Richtung des früheren Schauplatzes.
Damit ergibt sich ein entscheidender Unterschied:
Vor dem Schiffbruch: ein ganzer Segeltag mit einem funktionsfähigen Schiff.
Nach dem Schiffbruch: lediglich eine Nacht Drift auf Kiel und Mastbaum.
Die zurückgelegten Entfernungen stehen deshalb in einem auffälligen Missverhältnis. Einer Strecke von etwa 80 bis 100 Kilometern steht eine nächtliche Rückdrift von nur ungefähr 10 Kilometern gegenüber.
Odysseus kann auf diese Weise unmöglich wieder an den Ort gelangen, an dem er auf seiner Fahrt von Aia nach Thrinakia die beiden Meeresungeheuer erstmals passiert hatte.
Und genau hier liegt für meine Rekonstruktion der entscheidende Punkt: Die Charybdisbegegnung am folgenden Morgen kann nicht einfach eine Rückkehr zum ersten Schauplatz sein.
Homer führt Odysseus vielmehr nach dem Schiffbruch erneut in den Bereich von Skylla und Charybdis – aber aus einer völlig anderen Ausgangsposition und nach einer völlig anderen Bewegung über das Meer.
Die erste Begegnung und die zweite Begegnung müssen deshalb geografisch voneinander getrennt werden.
Die erste gehört zur Fahrt von Aia nach Thrinakia.
Die zweite ereignet sich erst am Morgen nach dem Schiffbruch, nachdem Odysseus die Nacht auf den Schiffstrümmern getrieben ist.
Damit beschreibt Homer, so meine These, nicht zweimal denselben Ort, sondern zwei verschiedene Schauplätze von Skylla und Charybdis.
Die zweite Begegnung mit Charybdis
„Und ich trieb durch die ganze Nacht; da die Sonne nun aufging …“
(Odyssee 12, 429)
Mit diesen Worten setzt Homer die entscheidende zeitliche Marke. Die nächtliche Drift ist beendet. Am nächsten Morgen erreicht Odysseus erneut den Bereich von Skylla und Charybdis.
Charybdis verschlingt gerade die salzigen Fluten des Meeres. Mit seinen Schiffstrümmern kann sich Odysseus gegen diese gewaltige Wasserbewegung nicht behaupten. In höchster Not rettet er sich auf einen großen Feigenbaum, dessen Äste über den Strudel hinausragen.
Wie eine Fledermaus hängt er dort fest. Er kann weder mit den Füßen festen Boden erreichen noch weiter nach oben klettern. Die Wurzeln des Baumes liegen zu weit entfernt, während seine langen Äste tief über Charybdis hinabreichen.
Diese verschlang an jetzo des Meeres salzige Fluten;
Aber ich hob mich empor, an des Feigenbaumes Gezweige
Angeklammert, und hing, wie die Fledermaus, und vermochte
Nirgendwo mit den Füßen zu ruhn, noch höher zu klimmen.
Denn fern waren die Wurzeln, und nieder schwankten die Äste,
Odyssee 12, 431–435
Odysseus bleibt nichts anderes übrig, als abzuwarten. Unter ihm verschwindet das Meer im Schlund der Charybdis. Auch die Reste seines Schiffes werden von der Wassergewalt erfasst und verschwinden im Strudel.
Doch Homer beschreibt anschließend einen bemerkenswerten Vorgang: Kiel und Mastbaum werden wieder aus Charybdis herausgeschleudert. Erst nach langem Warten erkennt Odysseus seine Chance.
Zu der Stund' entstürzten Charybdis' Schlunde die Balken.
Aber ich schwung mich von oben mit Händen und Füßen hinunter,
Und sprang rauschend hinab in den Strudel neben die Balken,
Setzte mich eilend darauf, und ruderte fort mit den Händen.
Odyssee 12, 441–444
Als die Schiffstrümmer wieder auftauchen, lässt sich Odysseus vom Feigenbaum herab. Er springt neben die Balken in das Wasser, erreicht seinen Kielbalken und beginnt, mit den Händen weiterzurudern.
Damit hat Odysseus die zweite Begegnung mit Charybdis überlebt.
Bemerkenswert ist, dass Skylla diesmal nicht mehr eingreift. Homer sagt ausdrücklich, dass Odysseus sie nicht mehr zu sehen bekommt – andernfalls wäre er dem Verderben nicht entronnen. (12, 445–446)
Die Szene ist damit beendet. Odysseus ist wieder auf seinem Kielbalken – allein, ohne Schiff und ohne seine Gefährten.
Was steckt hinter Skylla und Charybdis?
Nach meiner Rekonstruktion stehen hinter Skylla und Charybdis nicht zwei an einen einzigen Ort gebundene Meeresungeheuer. Vielmehr könnten sich in diesen Gestalten zwei unterschiedliche Erfahrungen antiker Seefahrer mit den Gefahren des Meeres erhalten haben.
Skylla interpretiere ich als die mythische Überhöhung eines gewaltigen Meerestieres – möglicherweise eines Riesenkraken.
Die Vorstellung eines Tieres, das plötzlich neben einem Schiff auftaucht, mit seinen Fangarmen nach Menschen greift und sie vom Deck ins Meer zieht, muss auf die Seeleute der Antike wie ein Angriff eines übernatürlichen Wesens gewirkt haben. Aus solchen Erlebnissen konnten im Laufe der mündlichen Überlieferung Geschichten von einem Ungeheuer entstehen, das an einem Felsen lauert und vorbeifahrende Schiffe bedroht.
Charybdis verkörpert dagegen für mich keine Kreatur, sondern die Gewalt des Wassers selbst.
Homers Beschreibung erinnert an eine gewaltige Wasserbewegung: Das Meer wird verschlungen, Schiffstrümmer verschwinden im Strudel und werden anschließend wieder herausgeschleudert. Odysseus kann sich nur retten, indem er sich an einem über das Wasser ragenden Feigenbaum festklammert und wartet, bis die Trümmer wieder auftauchen.
Darin sehe ich die mögliche Erinnerung an eine Monsterwelle oder ein tsunamiartiges Ereignis. Auch moderne Tsunamis haben gezeigt, wie Menschen sich auf Bäume retten, während Boote, Häuser und Trümmer von den Wassermassen erfasst, fortgerissen und mit dem Rückstrom wieder hinaus ins Meer gezogen werden.
Damit unterscheiden sich die beiden Gefahren grundlegend:
Skylla – die Bedrohung durch ein lebendes Wesen.
Charybdis – die Bedrohung durch eine entfesselte Wassergewalt.
Vielleicht wurden aus den Erzählungen der Seefahrer erst im Laufe der Zeit die beiden mythischen Gestalten, die Homer schließlich in seinem Epos miteinander verbindet. Die Namen Skylla und Charybdis wären dann nicht einfach Bezeichnungen für zwei Fantasiewesen, sondern die poetische Verarbeitung realer Erfahrungen mit den Gefahren des Meeres.
Eine solche Sichtweise hat eine weitere Konsequenz: Skylla und Charybdis müssen keine festgelegten geografischen Orte sein. Wenn sie für bestimmte Gefahren des Meeres stehen, können solche Gefahren grundsätzlich an unterschiedlichen Küsten, in verschiedenen Meerengen und zu unterschiedlichen Zeiten auftreten. Die Namen bezeichnen dann nicht zwingend einen bestimmten Punkt auf der Landkarte, sondern Gefahrentypen, die sich in den Erzählungen der Seefahrer an verschiedenen Orten wiederfinden konnten.
Damit wird auch verständlich, warum Homer Skylla und Charybdis an unterschiedlichen Stellen seiner Erzählung auftreten lassen kann.
Das Meer lieferte die Erfahrungen – die Dichtung machte daraus die Monster.
