Le colonne di Atlante: dove sostiene Atlante la volta celeste? A Gibilterra o a Capri?
Mit meiner Lokalisierung der Insel Capri als Wohnort der Kalypso – Ogygia – stehe ich ziemlich allein da. Mir ist kein Forscher oder Homer-Kenner bekannt, der diese These bisher vertreten hat.
Die Verbindung von Ogygia mit Gibraltar, zu der auch Champault gehört, stützt sich vor allem auf Homers Hinweis auf Atlas, der das Himmelsgewölbe trägt, sowie auf die erwähnten „ragenden Säulen“.
Doch im homerischen Text gibt es keinen Hinweis darauf, dass diese Säulen am äußersten Ende der damaligen Welt stehen müssen.
Auch der Name Herakles wird bei Homer zwar mehrfach erwähnt, aber niemals im Zusammenhang mit Kalypso oder Ogygia. Die später geläufige Bezeichnung „Säulen des Herakles“ gehört also nicht zu dieser homerischen Beschreibung.
Die älteste bekannte Erwähnung der Säulen des Herakles findet sich bei Pindar, der etwa zwei Jahrhunderte nach Homer lebte. Erst in der späteren Überlieferung werden die Säulen mit der Straße von Gibraltar verbunden.
Wo könnte Homer die Säulen des Atlas gesehen haben?
Dazu möchte ich ein Gedankenspiel wagen.
Nehmen wir an, Homer stellte sich die Erde als Scheibe vor und das Himmelsgewölbe als darüberliegende Kugel oder ebenfalls als Scheibe. Wo müsste Atlas stehen, damit das Himmelsgewölbe auf vier Säulen im Gleichgewicht ruhen könnte?
Im Zentrum der Erdscheibe.
Der „Nabel des Meeres“
Ein entscheidender Hinweis findet sich bereits im 1. Gesang der Odyssee. Athene beschreibt dort die Insel, auf der Kalypso den Odysseus zurückhält:
νήσῳ ἐν ἀμφιρύτῃ, ὅθι τ᾽ ὀμφαλός ἐστι θαλάσσης.
Odyssee 1,50
Wörtlich bedeutet der Vers:
„Auf der vom Meer umflossenen Insel, wo der Nabel des Meeres ist.“
Das griechische Wort ὀμφαλός (omphalós) bedeutet „Nabel“ und kann im übertragenen Sinn auch Mittelpunkt oder zentraler Punkt bedeuten. Voß gibt diesen Ausdruck sinngemäß mit „der Mitte des wogenden Meeres“ wieder. Benedetto bleibt dagegen näher am griechischen Bild und übersetzt „dove è l’ombelico del mare“ – „wo der Nabel des Meeres ist“.
Damit steht der Ausdruck „Nabel des Meeres“ tatsächlich im homerischen Original und ist keine moderne Interpretation.
Für meine Lokalisierung ist dieser scheinbar nebensächliche Ausdruck von besonderer Bedeutung. Wenn Homer die Insel der Kalypso ausdrücklich am „Nabel des Meeres“ verortet, stellt sich die Frage, wo dieser Mittelpunkt zu suchen ist.
Meine Hypothese führt nach Capri.
Gibraltar liegt am äußersten westlichen Rand des Mittelmeers und kann daher kaum dessen geografischer Mittelpunkt sein. Betrachtet man dagegen die West-Ost-Ausdehnung des Mittelmeeres, liegt Capri erstaunlich nahe an dessen Mitte.
Von Gibraltar bis Capri sind es etwa 1.800 Kilometer, von Capri bis Iskenderun (Alexandretta) rund 1.950 Kilometer. Die rechnerische Mitte liegt somit bei etwa 1.875 Kilometern. Capri weicht davon nur rund 75 Kilometer ab.
Für die geografischen Möglichkeiten der Antike ist das eine bemerkenswert geringe Abweichung.
Ich habe diesen Mittelpunkt, diesen „Nabel des Meeres“, mit Capri identifiziert.
Und tatsächlich gibt es auf Capri Säulen.
Capri besitzt mit den Faraglioni eine auffällige Gruppe freistehender Felsen. Einer davon befindet sich nur etwa 20 Meter von der Küste entfernt, der höchste erreicht eine Höhe von rund 109 Metern.
„Die Vorstellung mehrerer mächtiger Felsensäulen, die das Himmelsgewölbe tragen, ist damit zumindest bildlich nicht abwegig. Homer spricht von den Säulen im Plural. In diesem Gedankenspiel könnten die Faraglioni für die vier Himmelsrichtungen stehen.“
Ob Homer tatsächlich ein solches Bild vor Augen hatte, lässt sich natürlich nicht beweisen.
Aber es ist ein bemerkenswertes Gedankenspiel.
Capri als Ogygia, der „Nabel des Meeres“, und die Faraglioni als die Säulen des Atlas.
Eine Vorstellung, die dem Text Homers nicht widerspricht.
Gibraltar ist als die „Säulen des Herakles“ eine alte und gut belegte Tradition. Es ist jedoch nicht selbstverständlich, dass Homer mit den „Säulen des Atlas“ bereits Gibraltar meinte.


Capri und die Faraglioni-Felsen
